Überdurchschnittlich normal

Der durchschnittliche RTL2-Konsument weiß: Nichts ist wichtiger, als besonders zu sein und sich vom Durchschnitt abzuheben. Gleichzeitig soll er aber auch Normen entsprechen: das optimale Körpergewicht, die normale Intelligenz … Ja, was denn nun?

NormalNormal müsste eigentlich zum Unwort des Jahrhunderts erklärt werden, denn kaum ein Wort wird unbewusster verwendet als dieses. Normal ist ein Begriff aus der Statistik und beschreibt nichts anderes als einen beobachteten Mittelwert, eine Zahl. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird normal jedoch unerlaubterweise übersetzt mit »richtig«, »natürlich« oder »So ist das eben.«

Normal ist nicht natürlich

Besonders fällt mir der Stellenwert der Normalität in unserer Gesellschaft bei einem Arztbesuch auf. Der Laborbefund ist da, und alle Blutwerte sind im normalen Bereich. Wenn’s nach dem Arzt geht, bin ich gesund. Warum ich mich trotzdem krank fühle, kann er mir nicht erklären. Oder nach Darlegung eines meiner Symptome bekomme ich die Antwort: »Das ist normal, das haben alle.« Schlussfolgerung des Mediziners: Kein Handlungsbedarf. Ich darf wieder gehen und kann sehen, wo ich mit meinem normalen Leiden bleibe.

Normal ist auch, dass gefühlte 95% aller Paarbeziehungen grollbehaftet zerbrechen oder in unerträglicher Tristesse versanden – statistisch gesehen. Um nicht selbst Verantwortung für unsere Misere übernehmen zu müssen, trösten wir uns mit der Normalität, deklarieren es als natürlich und finden uns damit ab.

Die anderen 5% hatten eben Glück.

Richtig?

Falsch!

Die Wahrheit ist, dass sich die 95% von ihrem natürlichen Zustand entfernt haben.

Bequem ist normal

Mit unseren positiven Eigenschaften wollen wir uns gewöhnlich so weit wie möglich aus der Masse hervorheben – die beste Tennisspielerin, der beste Sänger, die attraktivste Frau, der erfolgreichste Manager.

Wenn wir jedoch über unsere dunklen Seiten in Erklärungsnöte gelangen, suchen wir verzweifelt nach einer Rechtfertigung, warum wir in unserer Liebens-un-würdigkeit ja doch ganz normal sind.

Das ist auch normal.

Aber nicht natürlich

Als normal gilt z. B. auch, dass Arbeit ein notwendiges Übel ist und Freizeit dazu gut, sich davon zu erholen. Und so kann sich der Normale ein Leben ohne Trennung zwischen Beruflichem und Privatem kaum vorstellen. Längst hat er vergessen, dass seine Normalität nur eine unbewusste Entschuldigung für das Verharren in der Bequemlichkeitszone ist, um nicht  den Sprung in die eigene Kreativität wagen zu müssen. Eine fatale Strategie mit Abwärtsspiralendynamik.

In unserer Einzigartigkeit sind wir völlig normal

Die Ironie an all dem Streben nach Einzigartigkeit ist, dass jeder von uns bereits einzigartig ist. Und dennoch sind wir unserem Wesen nach alle vollkommen gleich.

Der Trick eines erfüllten Lebens ist wohl, unserer Einzigartigkeit kreativen Ausdruck zu geben, ohne zu vergessen, dass wir jedem unserer Mitmenschen ebenbürtig sind. Wenn Sie das nächste Mal jemand Besonderes sein möchten oder nach Normalität streben, dann seien Sie doch einfach mal wie Sie sind.

Oder seien Sie.

© 2012 Björn Klug

Advertisements

One Comment to “Überdurchschnittlich normal”

  1. Ja, Normalität ist ein sehr schillernder Begriff. Aber ich glaube nicht, dass er einfach nur den statistischen Mittelwert benennt.
    Noch vor ein paar Jahren galt Homosexualität als sehr unnormal. Das hat sich geändert, aber doch nicht weil sich irgendein Mittelwert geändert hat. Normalität wird sozial ausgehandelt und da ist wichtig wer sich durchsetzt.
    Ihre Aussage, dass wir in unserer Einzigartigkeit normal sind wird sich wohl als Norm durchsetzen. Das passt zur Individualisierung der letzten Jahrzehnte. Das heißt nicht, dass alle oder die Mehrheit auf einmal einzigartig geworden sind. Vielmehr setzen sich gerade die Gruppen in der Normalitätsdefinition durch, denen ihre Einzigartigkeit sehr wichtig ist. Das finde ich einen spannenden Prozess, weil Unterschiedlichkeit zur Normalität wird und irgendwie passt das schwer zusammen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: