Anachronismus Streik

Während Firmen- und Gewerkschaftsbosse von Lufthansa und UFO bei Kaffee und Kuchen um die Wette in ihre Designersessel furzen, baden Unbeteiligte deren Unfähigkeit aus, sich zeitgemäßeren Kommunikationsformen zu bedienen. Wenn ich mir die Familie vorstelle, die, am Flughafen angekommen, plötzlich feststellt, dass der ersehnte entspannte Sommerurlaub in eine Odyssee zu mutieren droht, wird mir erneut bewusst, wie anachronistisch der Streik als Schlichtungskonzept ist.

KampfhähneDie Geschichte des Arbeitskampfes beweist es eindeutig: Tarifstreit ist ein Spiel mit vorbestimmtem Ausgang. Ein Theaterstück. Drama. Nicht mehr und nicht weniger. Der Ablauf ist – von Nuancen abgesehen – immer derselbe.

Immer.

  1. Eine Gewerkschaft stellt Forderungen
  2. Arbeitgeber lehnen dieses als überzogen ab
  3. Die Gewerkschaft droht mit Streik
  4. Die Arbeitgeber zeigen sich unbeeindruckt
  5. Streik (ohne Rücksicht auf Konsequenzen für Unbeteiligte)
  6. Schlichtung

Ich habe nie wirklich verstanden, warum man die Schritte 2-5 nicht einfach überspringen kann, wenn von vorneherein absolut klar ist, dass man sich letztendlich ja doch an einen Tisch setzen und zu irgendeiner Einigung kommen wird. Ich verstehe nicht, warum ich ein Taxi zur Arbeit bezahlen muss, nur weil sich mein Busfahrer nicht auf zivilisierte Weise mit seinem Arbeitgeber einigen kann.

Dieses Schauspiel wiederholt sich seit vielen Jahrzehnten nahezu unverändert, woraus man eigentlich nur schlussfolgern kann, dass die Protagonisten dieser Farce weder fähig noch willens sind, aus der Vergangenheit zu lernen.

Der Krieg um Geld und Macht

Nun ja, in Wirklichkeit verstehe ich natürlich schon, warum es immer wieder zu dieser modernen Mittelalter-Soap kommt: Es geht eben nicht wirklich um das Wohl aller – auch wenn sich beide Seiten das gerne auf ihre Fahnen schreiben. Es geht um Geld und Macht. Und wenn es um Geld und Macht geht, dann regiert die Angst, und nicht die Liebe. Angst erzeugt Adrenalin. Adrenalin macht süchtig.

So einfach ist das. Was es nicht weniger traurig macht.

Streik = Urlaub?

Eine kleine Anekdote mag verdeutlichen, wie auch die vermeintlich ausgebeuteten Opfer ihren Beitrag zum Drama leisten.

An einem Mittwoch im März diesen Jahres hatte ich mich mit einem Freund zum Brunch in der Nähe vom Heumarkt in Köln verabredet. Wie der Zufall es wollte, wurde gerade gestreikt, und auf dem Heumarkt fand eine ver.di-Großkundgebung statt. Normalerweise ist das große Café (2 Stockwerke), in dem ich verabredet war, zu dieser Tageszeit an einem Werktag nur spärlich besucht. An diesem Tag war es gerammelt voll – gefüllt mit in parolenverzierte Plastiktüten gehüllte Gewerkschafter/innen, die ein ausgedehntes Frühstück genossen.

Paradigmenwechsel tut not

Das herrschende Paradigma in unserer Gesellschaft lautet Mangel. Angst vor Mangel lässt jeden als Feind erscheinen, der uns eventuell etwas wegnehmen könnte. Also verteidigen wir mit Zähnen und Klauen, was wir haben und streben stetig nach Mehrung unserer Besitztümer. Der Waffenstillstand in diesem Territorialkrieg wird Kompromiss genannt – ein Euphemismus, der nur besagt, dass beide Seiten das Gefühl haben, verloren zu haben, und dass der Krieg noch nicht beendet ist.

Make love, not war

Die Lösung des Problems ist seit Jahrtausenden bekannt, doch auch der Hippie-Slogan – der, nebenbei bemerkt, ziemlich genauso alt ist wie ich – hat sich augenscheinlich bisher nicht in der breiten Bevölkerungsmasse durchsetzen können.

Doch wo es makroskopisch noch hapert, wird es in kleineren sozialen Strukturen immer wieder vielfach bewiesen: Wo Liebe, und nicht Angst, regiert, ist Wertschätzung das grundlegende Paradigma. Jeder hat das Wohl aller im Blick, ohne dabei sein eigenes Wohlergehen vernachlässigen zu müssen. Co-Kreativität zwischen Verbündeten herrscht dort vor, wo Lösungen gesucht werden, bei denen jeder gewinnt.

Wir werden unsere streitlustige Gesellschaft wohl nicht über Nacht transformieren, aber wir müssen das dumme Spiel ja nicht mitspielen.

© 2012 Björn Klug

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