Takes one to know one

Der Mut, in den Spiegel zu sehen

Wir sind schnell dabei, wenn es darum geht, andere zu kritisieren und über sie zu urteilen. Wenigen fällt jedoch auf, dass die Sache einen gewaltigen Haken hat: Um das Laster im anderen zu erkennen, muss ich es auch haben. Sonst könnte ich es nicht wiedererkennen. »Takes one to know one«, wie der Amerikaner sagt.

Das hat eine erstaunliche Konsequenz: Das Verurteilen anderer ist immer ein Akt der Bigotterie. Immer.

Zum Beispiel sehe ich einen Raucher und denke insgeheim, wie schwach und erbärmlich er doch in seiner Sucht ist. Wenn ich diesen Gedanken umdrehe und auf mich selbst richte, fällt es mir leicht, Bereiche in meinem Leben zu finden, in denen ich selbst schwach und erbärmlich bin – wie etwa meine Essgewohnheiten, wenn ich meinen Körper wider besseren Wissens mit Fastfood und Süßigkeiten traktiere. Oder ich rege mich innerlich furchtbar über Menschen auf, die achtlos ihren Müll auf der Straße fallen lassen. Wie kann man nur derart achtlos mit seiner Umwelt umgehen?! Umgekehrt gebe ich mich einem ungeduldigen Fahrstil hin, wohl wissend, dass ich leicht 10 oder 15 Prozent Sprit sparen könnte, ohne sonderlich an Komfort zu verlieren.

Wie also kann ich mir ernsthaft anmaßen, ein Urteil über diese Menschen zu fällen, ohne gleichzeitig meine eigene Integrität zu verletzen?

CaymanWer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein

Diese Erkenntnis ist ja nun wirklich nicht besonders neu. Umso bizarrer scheint es, dass wir ungleich mehr Energie darauf verwenden, andere in ihrem Verhalten zu beeinflussen, statt unser eigenes Verhalten zu ändern – was doch sehr viel einfacher sein sollte. Auf den zweiten Blick wird natürlich schnell klar, warum das nicht so ist: Dazu müssten wir den Mut aufbringen, in die hässliche Fratze unserer eigenen Dämonen zu blicken. Das macht schließlich keinen Spaß. Selbstverständlich ist es viel lustiger, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und über andere herzuziehen. Und so beschäftigen sich riesige Organisationen nur mit dem einen Ziel: die anderen zu besseren Menschen zu machen.

Allerdings zahlen wir einen hohen Preis dafür: unsere Freiheit. Wir machen uns zu Opfern anderer, wenn wir uns von deren Einsicht und Bereitschaft zur Änderung abhängig machen.

»Aber der andere ist doch viel, viel schlimmer!«

Dabei spielt es keine Rolle, ob der andere durch seine Verfehlungen 10 Millionen Miese auf seinem Karmakonto anhäuft, und ich nur einen. Michael Jackson mag ja nicht gerade das optimale Vorbild für spirituelles Wachstum sein, doch mit »I’m starting with the man in the mirror« hat er uns einen der Schlüssel zum Paradies präsentiert. Lassen wir doch die anderen erst mal sein wie sie sind und beginnen mit den Änderungen dort, wo wir die volle Kontrolle haben – und nur dort haben wir sie: bei uns selbst. Ein gutes Vorbild soll ja auch schon Wunder gewirkt haben.

Je schwerer es fällt, die eigene Verantwortung zu sehen, umso größer ist das Befreiungspotenzial. Erst wenn ich den korrupten Politiker, den Massenmörder und den Vergewaltiger in mir selbst transzendiert habe, kann ich wirklich frei sein. Dabei hilft mir der Grundsatz: Um den Wahnsinn zu erkennen, muss es in mir eine Entsprechung dafür geben.

Die Wahnsinnigen dieser Welt kann ich nicht heilen, den Wahnsinnigen in mir vielleicht schon.

© 2012 Björn Klug

Literatur zum Thema

Byron Katie - Lieben was istByron Katie – Lieben was ist: Vollkommene Freiheit ist nur über die Disziplinierung des Geistes möglich. Byron Katie lehrt eine besonders klare und einfache Methode, unsere Gedanken und Glaubensätze zu hinterfragen. Auch sie hat erkannt: Leiden bedeutet, etwas zu glauben, das nicht mit der Realität in Einklang steht. Wenn wir nicht leiden wollen, müssen wir also unsere Gedanken hinterfragen. Wie dies mit vier simplen Fragen und einer Umkehrung geht, zeigt sie in diesem Buch, unter anderem anhand vieler anschaulicher Beispieldialoge aus ihren Seminaren. Einige davon sind übrigens als Videos auf ihrer Webseite und bei YouTube zu finden.

(Originaltitel: Loving What Is)

Marshall Rosenberg - Gewaltfreie KommunikationMarshall Rosenberg – Gewaltfreie Kommunikation

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