Die perfekte Bewerbung, Teil 5/8 – Zeugnisse

Haben Sie mit Anschreiben und Lebenslauf echtes Interesse beim Leser geweckt, wird er sich nun Ihren Zeugnissen widmen. Doch welche Zeugnisse sind überhaupt beizulegen? Nach dem Motto »Viel hilft viel« einfach alles mitzuschicken wäre genauso falsch wie durch Weglassen den Eindruck der Vertuschung zu erwecken. Schlechte Zeugnisse – beilegen oder lieber verschweigen? Wie erkennt man überhaupt ein schlechtes Arbeitszeugnis? Dieser Teil der Serie liefert die Antworten auf diese und ähnliche Fragen zum Thema Zeugnisse.

Das Thema Arbeitszeugnis ist höchst komplex und kann und soll hier nicht in aller Ausführlichkeit behandelt werden. Ebenso erhalten Sie hier keinerlei Rechtsberatung. Jedoch erhalten Sie genügend Information, um die grundsätzliche Qualität eines Zeugnisses abschätzen zu können. Wer sich tiefergehend mit dem Thema beschäftigen möchte, wird bei einer gründlichen Internetrecherche sicherlich fündig, auch wenn die guten Informationen nicht immer leicht zu finden sind. Eine recht ausführliche Darstellung habe ich z. B. bei der Arbeitnehmerkammer Bremen gefunden:

Download (extern):
http://www.arbeitnehmerkammer.de/cms/upload/Downloads/Rechts-_und_Steuertipps/Das_Arbeitszeugnis.pdf

Wer sich selbst ein Zeugnis schreiben möchte (nur sehr eingeschränkt empfehlenswert, s. u.), kann auf Zeugnisgeneratoren im Internet zurückgreifen, wie z. B. bei hr-manager.de. Einen Überblick über Formulierungen für die verschiedenen Abschnitte des Zeugnisses in unterschiedlichen Bewertungen gibt es zum

DownloadZeugnisformulierungen

Um ein Gefühl für die Geheimsprache des Zeugnisses zu bekommen, hier noch eine Übersicht über weitere Formeln:

Download: Zeugnisformulierungen, Teil 2

So, jetzt aber Butter bei die Fische.

Welche Zeugnisse lege ich bei?

Genau genommen sollte alles, was in Ihrem Lebenslauf steht, auch belegt werden können. Nun ist aber beispielsweise kaum ein Szenario denkbar, in dem ein Arbeitgeber berechtigtes Interesse an Ihrem bereits 30 Jahre zurückliegenden Grundschulabschluss haben könnte. Daher legen Sie nur die wichtigsten Zeugnisse Ihrer Bewerbungsmappe bei, während Sie relevante Zeugnisse nur auf besondere Nachfrage nachliefern oder zum Bewerbungsgespräch mitbringen. Hier die Kriterien für die beizulegenden Zeugnisse.

  • Arbeitszeugnisse: Normalerweise ist es sinnvoll maximal Ihre 3-5 letzten Arbeitszeugnisse beizulegen und nur Ihre Erfahrungen der letzten 5 bis maximal 10 Jahre zu belegen. Erfahrungen, die Sie davor gemacht haben, haben Sie entweder wieder vergessen oder auch in jüngerer Vergangenheit angewendet. In letzterem Fall sollten diese Tätigkeiten auch in den aktuellen Zeugnissen belegt sein.

Tipp: Schlechte Zeugnisse – beilegen oder lieber weglassen? Wenn Sie sicher sind, dass ein Zeugnis eine sehr schlechte Bewertung enthält, sollten Sie dieses besser nicht beilegen und auf Nachfrage sagen, dass Sie damals keines bekommen haben. Ein fehlendes Zeugnis ist dann das geringere Übel.

  • Ausbildungszeugnisse: Belegen Sie alle Berufs- und Bildungsabschlüsse, egal, wie lange sie zurückliegen. Beispiele: Gesellenbrief, Kaufmannsgehilfenbrief, alle Abschlüsse von Universitäten und Fachhochschulen (jedoch keine Zwischenabschlüsse wie Vordiplom) oder Umschulungen. Kurzum: alles, was staatlich oder von Berufsverbänden anerkannt ist.

Tipp: Noten brauchen Sie in der Regel nicht beizulegen. Viele Abschlüsse bestehen aus einem Zertifikat über den Abschluss selbst (meist mit einer Gesamtnote) und einem Zeugnis mit den Einzelleistungen. Legen Sie nur das Gesamtzeugnis bei. Ausnahme: Sie sind Absolvent oder Sie haben einen Prädikatsabschluss hingelegt.

  • Fort- und Weiterbildungen:
    • Legen Sie nur Zeugnisse bei, die eine Relevanz zur beworbenen Stelle haben.
    • Die Bildungsmaßnahme sollte nicht länger als 3-5 Jahre zurückliegen. Grund: Wenn Sie es seitdem nicht angewendet haben – und dann würde es ja durch ein Arbeitszeugnis belegt – haben Sie es vermutlich wieder vergessen.
    • Überschütten Sie den Arbeitgeber nicht mit Zertifikaten über Ein- oder Zweitagesworkshops, erst recht nicht, wenn Sie schon länger zurückliegen. Ausnahme: Der Workshop war sehr relevant für die Stelle, ist noch ganz frisch, oder Sie haben ihn in Eigeninitiative besucht und wollen selbige unterstreichen.
  • Schulabschlusszeugnissewerden normalerweise nicht beigelegt. Wenn doch, nur der jeweils höchste Abschluss, und nur in folgenden Ausnahmen:
    • Sie verfügen noch über keine oder nur geringe Berufserfahrung (Berufsanfänger).
    • Sie verfügen nicht über einen Berufsabschluss.
    • Sie haben sonst »nicht viel zu bieten«, und Ihr Schulzeugnis ist überdurchschnittlich gut (z. B. nach langjährigem Ausstieg aus dem Berufsleben)

Arbeitszeugnisse

Die Ursache für die Komplexität des Themas Arbeitszeugnis liegt beim Gesetzgeber, der irgendwann einmal bestimmt hat, dass ein Arbeitszeugnis stets wohlwollend formuliert sein muss. Um sich lästige Prozesse mit ihren Ex-Angestellten vom Leibe zu halten, mussten sich die Arbeitgeber nun etwas einfallen lassen, um die Bewertung eines Arbeitnehmers trotzdem abstufen zu können. Mit der Zeit entwickelte sich eine Art »Geheimsprache«, die auf folgenden Prinzipien basiert:

  • Ist die Aussage »nur« gut, ist sie in Wirklichkeit schlecht.
    Beispiel: »… hat den Anforderungen entsprochen« bedeutet »… hat nur das Allernötigste getan«
  • Soll die Bewertung wirklich sehr gut sein, muss sie überschwänglich klingen – »wie über den Klee gelobt«.
    Beispiel: »… beeindruckte stets durch hervorragende Arbeitsqualität.«
  • Ist die Bewertung wiederum »zu gut«, ist sie in Wirklichkeit wieder schlecht
    Beispiel: »… waren begeistert von seinem Selbstvertrauen« bedeutet »… erlebten ihn als überheblichen Egomanen«
  • Alles, was fehlt, ist sehr schlecht.
    Beispiel: Fehlt im Zeugnis eine Bewertung über das Sozialverhalten, ist davon auszugehen, dass sich der Mitarbeiter mit Vorgesetzten wie auch Kollegen nicht gut verstanden hat.
  • Alles, was über den üblichen Inhalt eines Zeugnisses hinaus erwähnt wird, ist schlecht oder bedeutet das Gegenteil
    Beispiel: »… war gesellig« bedeutet »… war Alkoholiker«, »… bewies Einfühlungsvermögen« bedeutet »… suchte ständig sexuellen Kontakt« (außer, es handelt sich um einen Pädagogen oder Therapeuten o. ä.)
  • Was die Form des Zeugnisses verletzt, hat eine besondere Bedeutung (»Ausrutscher« neben der Unterschrift, s. u.) oder verkehrt Aussagen ins Gegenteil (z. B. Ausrufungszeichen oder ein Knick im Papier, Flecken o. ä.)

Zusammengefasst ergibt das die Grundregel: Ein Arbeitszeugnis muss genau einer bestimmten Form entsprechen. Jede Abweichung von der Form durch Weglassen oder Hinzufügen verschlechtert die Bewertung.

Die gute Nachricht (naja, eigentlich die schlechte) ist: Kaum jemand spricht diese Geheimsprache wirklich. Die Folge davon ist, dass Unmengen von Arbeitszeugnissen ausgestellt werden, die unfreiwillig schlecht sind. Von Hunderten Zeugnissen, die ich während meiner Zeit als Jobcoach gesehen habe, enthielten höchstens fünf eine halbwegs gute Bewertung – nach den oben genannten Kriterien. Der Grund ist, dass vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen kaum jemand bereit ist, sich in die Materie einzuarbeiten, sodass Fehler von vorneherein vorprogrammiert sind. Außerdem bedeutet die Erstellung eines Arbeitszeugnisses einen gewissen Zeitaufwand und die Bereitschaft, sich mit der zu bewertenden Person näher zu beschäftigen. Dieses Engagement kann, gerade in Personalabteilungen von Großunternehmen, nicht immer vorausgesetzt werden.

Mit den hier vermittelten Informationen erwerben Sie das erforderliche Wissen, um zumindest die schwerwiegenderen Fehler in einem Arbeitszeugnis zu erkennen. Nutzen Sie daher die Möglichkeit einer Nachbesserung durch Ihren Arbeitgeber.

Form und Inhalt eines korrekten Arbeitszeugnisses

  • Der Ausdruck muss auf Firmenbriefpapier mit Logo und Kontaktdaten der Firma erfolgen
  • Überschrift: Arbeitszeugnis
  • Einleitung mit Namen, Geburtsdatum, Beschäftigungszeitraum und Position des Beschäftigten
  • [optional] Kurzbeschreibung des Unternehmens
  • Beschreibung des Verantwortungs- und Aufgabenbereiches (je detaillierter umso besser)
  • Bewertung mit folgenden Unterpunkten:
    • Fachwissen/Leistung
    • Leistungsbereitschaft/Einsatz
    • Arbeitsweise
    • Arbeitspensum
    • Arbeitserfolg
    • Führungsstil (natürlich nur bei Führungskräften)
    • Gesamtbeurteilung
  • Sozialverhalten (Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden. Anmerkung: die Vorgesetzten müssen auf jeden Fall vor den Kollegen genannt werden. Bei Vertriebstätigkeiten dürfen die Kunden zuerst genannt sein)
  • Austrittsgrund
  • Abschiedsformel
  • Ort, Datum (das optimalerweise dem Austrittsdatum entspricht und dieses keinesfalls mehr als 2 Monate überschreitet, was auf Auseinandersetzungen zwischen Firma und Arbeitnehmer hinweisen würde)
  • Unterschrift (möglichst Geschäftsführer, auf jeden Fall jedoch ein Vorgesetzter)
  • Firmenstempel

Schädliche Abweichungen von der Form

Die folgende Liste enthält Eigenschaften, die ein Arbeitszeugnis nicht besitzen sollte und die zu einer Abwertung führen.

  • Fehlen einer der o. g. Punkte. Wenn z. B. die Beurteilung des Sozialverhaltens gegenüber den Vorgesetzten absichtlich weggelassen wird, bedeutet das, dass Ihr Verhältnis zu Ihrem Chef sehr schlecht gewesen sein muss.
  • Knicke oder Flecken machen aus einem inhaltlich sehr guten Zeugnis ein schlechtes.
  • Unterschiedliche Schriftarten: Das ganze Zeugnis muss in derselben Schriftart geschrieben sein. Das einzige Wort, dass fett oder größer gesetzt sein darf, ist die Überschrift Arbeitszeugnis
  • Kursiv, unterstrichen, fett, „Anführungszeichen“, Ausrufezeichen (!) o. ä. verkehren die Aussage ins Gegenteil
  • Hervorhebung der Telefonnummer der Firma: »Bitte rufen Sie uns an, wir erzählen Ihnen gerne die Wahrheit über diesen Mitarbeiter.«
  • Wechsel zwischen Blocksatz und linksbündiger Ausrichtung. Gewöhnlich wird ein Arbeitszeugnis linksbündig gesetzt, aber auch Blocksatz ist OK – nur beides gleichzeitig darf nicht sein.
  • »Ausrutscher« oder kleine Häkchen neben der Unterschrift weisen z. B. auf Gewerkschaftszugeihörigkeit oder bestimmte politische Tendenzen hin.

Zeugnis selber schreiben?

Oft bekommen Arbeitnehmer das Angebot, sich selbst ein Zeugnis zu schreiben, z. B. weil der Arbeitgeber sich den Aufwand für dessen Anfertigung ersparen möchte. Dieses Angebot sollten Sie jedoch nur annehmen, wenn Sie absolut sicher sind, dass Ihre Version besser ausfallen wird als die, die Ihnen Ihr Arbeitgeber ausstellen würde. Wenn Sie z. B. aus einem mittelständischen Handwerksbetrieb ausscheiden und Ihr Chef hat sowohl eine Rechtschreibschwäche und eine tiefe Abneigung gegen Computer, können Sie fast nichts falsch machen. Als Führungskraft in einem Großkonzern empfiehlt sich die Selbstanfertigung nur, wenn Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Denn ein erfahrener Personaler erkennt selbstgeschriebene Zeugnisse sofort. Außerdem ist die Gefahr groß, mit Formulierungen, die zwar gut gemeint sind, unwissentlich schlechte Bewertungen zu fabrizieren.

Als Kriterium für Ihre Entscheidung mag in jedem Fall gelten: Wenn Sie sicher sind, dass ein von Ihrem Arbeitgeber ausgestelltes Zeugnis schlechter ausfallen würde als Ihr eigenes, dann schreiben Sie es selbst.

Zum vorigen Artikel: Teil 4: Anschreiben

Zum nächsten Artikel: Teil 6: Bewerbungsmappe & Deckblatt

© 2016 Björn Klug

Dokumente zum Thema

Download: Word-Mustersammlung für Lebenslauf und Anschreiben (ZIP-komprimiert)

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