Das Geheimnis vollkommener Freiheit

Alles, was Sie wissen müssen. Ehrlich.

Heute verrate ich Ihnen das Geheimnis, wie Sie all Ihre Probleme loswerden. Es lautet folgendermaßen:

Das einzige, was Sie wirklich lernen müssen, ist unterscheiden zu lernen, ob Ihre Bedürfnisse und Handlungsimpulse einem vom Verstand geschaffenen Konzept entspringen oder Ihrer Essenz.

Noch kürzer gesagt: Lernen Sie zwischen Illusion und Wahrheit zu trennen. Eigentlich ist es nicht wirklich ein Geheimnis, denn Sie finden es überall. Das Tao Te King, die vedischen Schriften, Buddha und Jesus haben es uns schon vor Tausenden von Jahren verraten, und heute bekommen Sie es in jeder Buchhandlung. Auf diese einfache Formel lassen sich sämtliche spirituellen Wege und auch alle Lehren zur Persönlichkeitsentwicklung reduzieren – sofern sie und der sie anwendende Schüler wesentliche Änderungen zum Ziel haben. Umso erstaunlicher, dass so wenige Menschen die Formel zu kennen scheinen.

So einfach, und doch schier unmöglich

Leiter in den HimmelWas einfach klingt – und eigentlich auch ist – erweist sich in der Praxis für viele als große Herausforderung, denn die meisten Menschen sind kaum noch in Kontakt mit ihrer Essenz (→ Life sucks, and then you die) und identifizieren sich völlig mit ihren mentalen Konzepten, die ihren Wesenskern wie die Schichten einer Zwiebel überdecken.

Nicht zu wissen und nicht zu wissen, dass man nicht weiß, sind die Ursachen endlosen Leidens
— Nisargadatta Maharaj

Diese Zwiebel gilt es nun Schicht für Schicht abzuschälen. Anfangs wird das in etwa so ablaufen: »Ah! Das bin ich also nicht. Dann versuche ich einmal etwas anderes … … Oh. Das bin ich also auch nicht.« Oft wird sich ein vermeintlicher authentischer Impuls nur wieder als das nächste vom Verstand erzeugte Konzept entpuppen. Zunächst bietet es sich an, eine erfolglose Strategie gegen ihr Gegenteil einzutauschen. Wenn ich jedoch den Glaubenssatz »Ich bin ein wertloser Looser« gegen »Ich bin ein heißer Frauenaufreißer« austausche, werde ich vermutlich feststellen, dass beide gleich weit entfernt von meiner inneren Wahrheit sind. Aber diese scheinbaren Rückschläge bringen uns unserem Wesenskern in Wirklichkeit näher, denn jedes Mal entfernen wir eine Schicht der Zwiebel und gewinnen so ein Stückchen Freiheit.

Diese Phase ist von einer gewissen Verwirrung und Frustration geprägt, da wir oft keine Ahnung haben, wie wir unsere Essenz denn überhaupt erkennen sollen. Das ist wie mit jemandem, der sein Leben unter einem wolkenverhangenen Himmel gelebt hat und sich nun fragt, wo das Licht eigentlich herkommt. Irgendwann bricht jedoch der erste Sonnenstrahl hindurch, und er bekommt auf einmal eine Ahnung davon, wie die Sonne aussieht. Das stetige Hinterfragen unserer Glaubenssätze bringt frischen Wind in die Sache, so dass mit der Zeit immer mehr Essenz durch die Wolken unseres Verstandes scheinen kann.

Früher oder später kommt dann ein Moment, in dem wir unsere Essenz tatsächlich sehen können. Das wird im Allgemeinen als Erwachen bezeichnet. Es gleicht dem Aufwachen aus einem Traum, ganz ähnlich wie im Film Die Matrix, wenn man den ganzen Hollywoodquatsch subtrahiert.

Und wie sieht das nun in der Praxis aus?

Unser Verstand ist gewöhnlich bei der Trennung zwischen Illusion und Wahrheit ein schlechter Ratgeber. Wie sollte er auch, wo er die ganzen falschen Glaubenssätze doch überhaupt erst erschaffen hat. Glücklicherweise haben wir unseren Körper als recht zuverlässigen Kompass, dessen Nadel immer in Richtung Wahrheit zeigt. Es ist kein Zufall, dass so viele spirituelle Lehren und Heilmethoden körperorientierte Techniken enthalten.

Eine Kleinigkeit habe ich Ihnen noch verschwiegen: Um Wahrheit von Illusion unterscheiden zu können, müssen Sie präsent sein. Das bedeutet, Sie müssen die Dinge sehen, wie sie nun einmal gerade sind und die Tatsachen akzeptieren.  Kein Widerstand gegen den gegenwärtigen Moment. Das ist der Grund, warum so viele Lehren Techniken für die Meditation enthalten. Sie ermöglicht uns, unseren Gedankenstrom zu erkennen und uns von ihm zu enthaften, um unseren Wesenskern freizulegen.

Ein konkretes Beispiel: Ich putze gerade die Wohnung. Angespannte Schultern und ein leichter Kopfschmerz sagen mir, dass etwas nicht in Ordnung ist. Ich halte inne und merke, dass ich ärgerlich bin, verbunden mit einer gewissen Unzufriedenheit. Ich stelle fest, dass diese mit einem Gedanken verbunden ist: »Putzen ist niedere Arbeit und kostet wertvolle Zeit, die ich viel besser nutzen könnte, z. B. mit dem Schreiben eines Artikels. Putzen ist lästige Pflicht.« Ich frage mich, ob das wirklich stimmt und komme zu dem Schluss, dass mir das Putzen tatsächlich wichtig ist, da es durchaus einen Wert für mich darstellt, in einer sauberen Wohnung zu leben und zu arbeiten. Gleichzeitig nehme ich mir vor, mir eine Reinigungskraft zu suchen, um in Zukunft noch mehr kreativ arbeiten zu können. Nun kann ich gelassen und entspannt meine häuslichen Pflichten erledigen, da ich nun weiß, dass ich das wirklich will.

Genausogut hätte ich aber auch zu dem Schluss kommen können, dass die Wohnung es auch noch ein paar Tage ohne Putzen aushält und ich unbewusst den Ordnungsfimmel meiner Mutter übernommen habe, der meinem Wesen überhaupt nicht entspricht. In diesem Fall hätte ich mich sofort an die kreative Arbeit gemacht.

Leiden beginnt, wenn wir mit der Realität hadern und an Gedanken anhaften, die im Widerspruch mit ihr stehen. Es endet, wenn wir sie bewusst sehen, akzeptieren und wählen, was wir wirklich wollen.

Indikatoren

Unser wahres Wesen mag nicht immer leicht zu entdecken sein, dafür ist die dunkle Seite der Macht umso einfacher zu erkennen. Hier ein paar Indikatoren, die die Unterscheidung vereinfachen. So legen alle Formen von Drama den dringenden Verdacht nahe, dass wir in der Illusion feststecken, z. B.

  • Recht haben wollen
  • Schuldzuweisung, Kritik
  • sich als Opfer anderer Menschen oder äußerer Umstände betrachten
  • es jemandem Recht machen wollen
  • Konfrontation, jemanden als meinen Feind betrachten, Gewalt
  • sich Sorgen über die Zukunft machen
  • mit der Vergangenheit hadern
  • die Ebenbürtigkeit aller Menschen bestreiten (Hochmut, Hybris, sich über andere erheben, »Ich bin besser als du«, »Ich bin weniger wert als du«)
  • Moralvorstellungen folgen

ebenso wie die Haltungen oder Stimmungen

  • Angst als Handlungsantrieb
  • die Kontrolle behalten wollen
  • Gewohnheit und Sucht
  • Ernst, »Das ist nicht witzig«
  • »Mehr, mehr, mehr!«
  • Depression
  • Spannung, Anspannung, Enge
  • »Dies dürfte nicht passieren« oder »Ich mache gerade die falsche Erfahrung«

Verallgemeinert könnte man sagen, dass wir in der Illusion feststecken, wenn wir uns an Gedanken heften, die uns Stress bereiten. Alles, was uns Energie raubt, steht höchstwahrscheinlich im Widerspruch zu unserer Essenz. Auf dem richtigen Weg sind wir, wenn unser Handeln begleitet ist von

  • Stille, Raum
  • Zeitlosigkeit, Präsenz
  • Gelassenheit
  • ein Gefühl von Leichtigkeit und Fließen
  • bedingungslose Akzeptanz des gegenwärtigen Moments
  • Freiheit
  • Energie spendend
  • staunende Neugier
  • keiner der Indikatoren für Illusion

Ach ja, noch eine Kleinigkeit: Wenn Sie Wahrheiten über sich herausgefunden haben, müssen Sie natürlich auch danach handeln. Ansonsten können Sie alles Gesagte wieder vergessen.

© 2011 Björn Klug

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4 Kommentare to “Das Geheimnis vollkommener Freiheit”

  1. Freiheit ist so eine Sache. Gibt es sie wirklich? Friedjhof Berghmann meint in seinem gleichnamigen Buch, dass eher nein. Wir sie so stark in unsere Umgebungen eingebunden. Ist Freiheit womöglich selbst nur eine Illusion?

    • Freiheit ist erst einmal nur ein Wort, ein Begriff, und jeder versteht etwas anderes darunter, also können wir uns nicht darüber unterhalten, als wäre es ein unabhängiges, objektives Konzept. Wir würden nur Meinungen austauschen, und das wäre Zeitverschwendung. Freiheit als philosphisches, anthropologisches, soziologisches, politisches usw. Konzept kann unter keinen Umständen vollkommen sein, da würde ich vermutlich mit Frithjof Bergmann übereinstimmen. Ich spreche hier aber über eine spirituelle (wenngleich erfahrbare) Freiheit, wie sie z. B. von Jiddu Krishnamurti, Ramana Maharshi, Nisargadatta Maharaj, Eckhart Tolle oder Byron Katie – um nur einige zu nennen – beschrieben wird. Jesus nannte sie das Himmelreich. Anders gesagt: Innerhalb unserer Dualität, unseres begrenzten und endlichen sozialen Systems, ist sicherlich keine vollkommene Freiheit möglich (wie sollte sie auch, wo das System ja begrenzt ist). Jenseits schon. Dazu müssen wir sterben 🙂 Jedes mal ein kleines bisschen.

      Über diese vollkommene Freiheit kann man nicht theoretisch sprechen oder philosophieren, man muss „es“ tun.

      • Jedenfalls immer ein bisschen mehr. Aber auch hier gilt, dass es schweirig ist, einfach für sich allein den Hebel umzulegen und sich ganz anders zu verhalten, wenn man in einem Gefüge mit anderen Menschen steckt, sei es Familie oder Arbeitsgemeinschaft.
        Allerdings nehme ich in meinem Umfeld wahr, dass, wenn ich kleine Schritte in diese Richtung gehe, es Anderen leichter fällt, mit der Zeit sich ebenfalls anders zu verhalten. Und dabei ist das beste, Frage zu stellen. Ein Berliner hatte mich darauf gebracht: „Und wer sacht denn det?“ …

      • Das erlebe ich ähnlich – leicht fühlt es sich (zumindest vor jedem Schritt) selten an (danach frage ich mich häufig, warum ich den Schritt nicht schon vor Jahren gemacht habe). Dumm an der vollkommenen Freiheit ist ja, dass sie nicht an Bedingungen geknüpft sein kann. Wenn ich also sage „Ich will zwar frei sein, aber gleichzeitig die Garantie haben, dass mein soziales Umfeld mich dafür nicht sanktioniert.“, dann ist mein Wunsch nach Freiheit nicht mehr als ein Lippenbekenntnis. Aber so ist es nun mal: Wenn wir uns entscheiden, aus unserem System von Verstrickungen auszusteigen und uns für authentische Beziehungen engagieren, dann winkt der größte Teil unserer bisherigen Sozialkontakte dankend ab. Die wenigsten sind bereit, den Weg mit uns zu gehen.

        Aber das ist völlig OK. Im Nachhinein habe ich es noch nie bereut.

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