Staun doch mal

Wissen, dass man nichts weiß

Jedes Mal geht mir das Herz auf, wenn ich beobachte, mit welch unvoreingenommener und staunender Neugier ein Kleinkind seine Welt erforscht. Gleichzeitig wird mir bewusst, wie wenig davon wir in unser Erwachsenenleben mitnehmen. Warum? Weil wir offenbar glauben, die Welt bereits zu kennen. Gleichzeitig entgeht uns, wie wir uns mit der Illusion des Wissens unserer eigenen Freiheit berauben. Dabei ist staunende Neugier einer der Schlüssel zur Glückseligkeit und als Grundhaltung für spirituelles Wachstum unabdingbar.

StreifenhörnchenManchmal komme ich mir vor wie eine wandelnde Vorurteilsmaschine. Ich betrachte einen Alkoholiker in der U-Bahn und »sehe« sofort, dass er ein persönlichkeitsschwacher Mann ist, der nicht bereit ist, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Ich lerne eine Frau auf einer Party kennen und bereits nach dem dritten Satz »weiß« ich, dass sie narzistisch und unfähig zur Selbstreflektion ist. Dann wird mir klar: Es ist Zeit, mal wieder zu staunen.

Wenn ich Verteidigungshaltung einnehme und beginne, mich zu rechtfertigen, oder während einer angeregten Diskussion bemerke, dass es mir wichtiger ist, auch meine Meinung anzubringen, statt mich aufrichtig für mein Gegenüber zu interessieren, dann weiß ich: Es ist mal wieder Zeit, neugierig zu sein.

Neugier als Treibstoff für spirituelles Wachstum

Staunende Neugier ist wie Aikido in Kommunikation. Beim Aikido nehmen wir die Energie eines Angriffes sanft auf und geben sie dem Angreifer wieder zurück, ohne Schaden zu verursachen. Die Anwendung dieser Technik bei einem (vermeintlichen?) verbalen Angriff könnte beispielsweise so aussehen:

»Du bist ein selbstsüchtiger, arroganter Arsch!«

»Ah, du findest mich also überheblich und egoistisch. Kannst du mir mehr darüber sagen, wie du zu diesem Schluss kommst? Vielleicht kann ich etwas über mich lernen.«

Staunende Neugier ist ein Weg, dem Drama-Dreieck zu entkommen. Wenn wir im Drama sind, glauben wir zu wissen, und versuchen mittels unbewusster und automatischer Gewohnheitsreaktionen im (vermeintlich) Bekannten zu bleiben. Doch auf diese Weise beschränken wir uns auf eine sehr begrenzte Anzahl von Reaktionsmöglichkeiten und nehmen uns selbst die Freiheit. Vollkommene Freiheit ist nur im absoluten Unbekannten möglich. Das kostet natürlich Mut, wie bei einem Sprung von der Klippe. Ich bin schon oft gesprungen, und es hat sich jedes einzelne Mal gelohnt. Es empfiehlt sich übrigens, den Flug zu genießen, und nicht während des Sprungs schon zu überlegen, wie wohl der Aufprall ausfallen wird.

Staun doch mal wieder!

© 2011 Björn Klug

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