Plattgeregelt

Sinn und Unsinn von Verbänden in Therapie, Heilung und Spiritualität

Menschen auf der Suche nach Heilung, persönlichem oder spirituellem Wachstum sind bei der Wahl ihres Begleiters häufig verunsichert, denn die Angst vor esoterischem Hokuspokus sitzt tief. Und weil das Zertifikat in Deutschland – wie kaum sonstwo in der Welt – als heiliges Dokument betrachtet wird, wird auch hier nach einer Qualitätsgarantie verlangt. Doch wie sinnvoll das TÜV-Siegel für die Waschmaschine auch sein mag, so sehr birgt das Pendant für den Heiler, Therapeuten oder Coach die Gefahr der Qualitätsverhinderung.

Wenn eine Methode, Technik oder Lehre eine gewisse Verbreitung erlangt hat, organisieren sich die Ausübenden gewöhnlich in einem Verband. So kann man Synergien nutzen und sich gegenseitig unterstützen oder auch werbewirksamer nach außen auftreten. Eine eventuelle Anerkennung durch Krankenkassen oder Staat birgt weitere Vorteile. Natürlich müssen jetzt Bedingungen für die Mitgliedschaft festgelegt werden, und hier beginnt die dunkle Seite der Macht ihren perfiden Plan in die Tat umzusetzen.

Die Reinheit der Lehre

AffeNun möchte man sich nämlich von den »schwarzen Schafen« abgrenzen, deren Arbeit nicht von der erforderlichen Qualität ist. Es werden Kriterien festgelegt, vielleicht eine geforderte Ausbildungsdauer oder eine Prüfungsordnung. Im Ringen um Einheit beruft man sich auf die Schriften und Aussagen des Gründers der Lehre und streitet inbrünstig über deren Auslegung. Nicht selten kommt es zur Spaltung in Splitterverbände. Formalismen entscheiden nun darüber, ob ein Kollege der Mitgliedschaft würdig ist oder als Ketzer gebrandmarkt und aus den heiligen Hallen der »Wissenden« verstoßen wird. Der Verband wird zum Druckverband.

Ohne Zweifel tragen die Regulierungen der Berufsverbände im Handwerk durchaus positiv zur Qualitätssicherung bei, doch schon bei Ärzten darf die Wirksamkeit solcher Kontrollmechanismen in Frage gestellt werden. In deren Ausbildung wird die Beziehung zum Patienten bis heute weitgehend ignoriert, obwohl ihre Bedeutsamkeit für die Heilung seit langem bekannt ist. Und so werden weiterhin hochqualifizierte Handwerker herangezüchtet, die in ihren Patienten nicht viel mehr als zu wartende Maschinen sehen. Mehr zufällig – und eher trotzdem – kommt hin und wieder auch ein einfühlsamer Heiler dabei heraus.

Noch deutlicher wird die Problematik beim Psychotherapeuten. Wie misst man am Ende der langjährigen Ausbildung seine Fähigkeit zur Selbstreflektion oder sein Einfühlungsvermögen?  Und so wimmelt die Branche von Therapeuten, die ihre Patienten mit Werkzeugen traktieren, deren tieferen Sinn sie selbst noch nicht durchdrungen haben. Die mit Zertifikaten gepflasterte Wand belegt eben nicht, dass auch das Wesentliche gelernt wurde.

Bei ganzheitlichen Therapie-, Heil- und Coachingmethoden scheitert der Versuch einer Qualitätssicherung durch Regularien weitgehend, da sie teilweise oder auch ganz die Wahrnehmung »energetischer Phänomene« (im weitesten Sinne) durch den Praktizierenden voraussetzen, die sich einer Überprüfung mit bekannten wissenschaftlichen Messmethoden entziehen. Das mag die Intuition einer guten Masseurin sein, das röntgengleiche innere Auge des Osteopathen, das an Gedankenlesen grenzende Wissen der Alexander-Lehrerin um die innere Ausrichtung ihres Schülers oder die Fähigkeit des Coaches, mit seiner Präsenz einen Raum zur Verfügung zu stellen, der positive Entwicklungen fördert.

Technik mit Essenz verwechselt

Die eigentliche Ursache dieses Phänomens ist die Verwechslung der Technik mit der Lehre. Technik kann man lernen, Essenz nicht. Und wenn das Erkennen oder Erleben der Essenz ausbleibt, haftet der Schüler an der Technik an. Daher ist eine lange Ausbildung keine Garantie dafür, dass er irgendwann über den Tellerrand der Technik blicken kann, sie führt in vielen Fällen sogar zu einer stärkeren Verhaftung mit der Technik.

Fatal ist, dass diejenigen, die mit blindem Eifer die Perfektion der Technik predigen und die Reinhaltung der Lehre fordern, auch meist das größte Interesse daran haben, in der Organisation regulierend einzugreifen. Sie, die mit der Essenz der Lehre am wenigsten in Verbindung stehen, urteilen über andere, die die Lehre vielleicht viel besser durchdrungen haben. Wer hingegen erkannt hat, dass die Technik eine untergeordnete Rolle spielt, verliert normalerweise mehr und mehr das Interesse daran, sich mit anderen zu organisieren.

Je mehr also eine Methode Präsenz – die Fähigkeit zur Verbindung mit der Essenz – erfordert, umso weniger hilft die Regulierung der Ausbildung. Präsenz kann nicht erlernt werden, sie kommt als Unterströmung der Technik – wenn die Technik beiseite treten kann. Jeder Lehrer, Begleiter oder Therapeut kann nur in dem Maße gut sein, in dem er die Technik auch selbst verinnerlicht hat. Und das ist etwas, das man weder kontrollieren noch messen kann. Zwei Beispiele zur Verdeutlichung:

Alexander-Technik

Die Alexandertechnik gilt als hervorragende Methode, um Rückenschmerzen loszuwerden oder die eigenen Grenzen beim Spielen eines Musikinstrumentes zu überwinden. Doch die AT ist eigentlich viel mehr; über sie können schädliche Gewohnheiten jeder Art entlarvt, durchbrochen und durch bessere ersetzt werden. Man könnte sie als eine Art universeller Bewusstseinsarbeit bezeichnen – mit der eben, ganz nebenbei sozusagen, auch körperliche Probleme lösbar sind. Dies unterscheidet sie grundlegend beispielsweise von physiotherapeutischen Methoden.

Weil sie aber eben auch bei Rückenschmerzen so schön hilft, hat man sich gedacht, dass es doch schön wäre, wenn die AT auch von Krankenkassen übernommen würde. Folglich hat der deutsche Verband der AT-Lehrer 2009 seine Anerkennung als Berufsverband erwirkt. Wie ich von Mitgliedern höre, hat das Hauen, Stechen und Schlagen bereits begonnen und die ersten Ausschlüsse langjähriger Mitglieder stehen an, weil sie sich den Regularien nicht unterwerfen wollen. Es bleibt abzuwarten, ob sich durch die Institutionalisierung mehr Vorteile oder Nachteile ergeben.

Aikido

Aikido ist mehr als nur eine Kampfkunst. Doch wie bei anderen Kampfkünsten auch, kann man sich Jahrzehnte lang allein mit der Perfektion der Form beschäftigen. Wie mir scheint, hat die Mehrzahl der hochgraduierten Lehrer dies auch getan und es dabei geschafft, das eigentliche Vermächtnis von Morihei Ueshiba fast vollständig zu verleugnen. Obwohl sich Aikido erst seit rund einem halben Jahrhundert in der westlichen Welt verbreitet, ist es weltweit bereits in Hunderte verschiedener Stile und Verbände zersplittert. Bei einer Prüfung zu höheren Dan-Graduierungen kann es dann auch in unserem Verband schon einmal passieren, dass dem Prüfling mit dem schönsten Aikido der Vorwurf einer zu starken Abweichung von der Form gemacht wird. Wenn man den endlosen Diskussionen über die Effektivität verschiedener Technikvarianten lauscht, könnte man beinahe vergessen, dass Harmonie (Ai) und Präsenz (Ki) die Essenz des Aikido bilden.

Fazit

Ich halte es schon bei einem Therapeuten für leichtsinnig, seine Qualität nur anhand seiner Ausbildungsdauer und der Anzahl seiner Zertifikate zu bewerten. In zunehmendem Maße gilt dies im Bereich der ganzheitlichen Heilung, und wenn wir uns spirituellen Dimensionen zuwenden, weist die Zugehörigkeit eines Lehrers zu Verbänden eher auf einen Verlust des freien Geistes als auf die Güte seiner Arbeit hin. Viele der bedeutenden spirituellen Lehrer haben sich gegen Organisationen ausgesprochen oder sich von ihnen abgewandt. Eines der prominentesten Beispiele ist die Auflösung seines Ordens durch Jiddu Krishnamurti (seine Rede von 1929).

© 2011 Björn Klug

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One Comment to “Plattgeregelt”

  1. Ich finde Heilerverbände ebenfalls unsinnig. Ich finde es zum Beispiel beunruhigend, dass alleine der „Dachverband für Geistiges Heilen“ über 6000 Mitglieder vertritt und sie für eine nachweislich nicht existente Fähigkeit zertifiziert.
    Interessanter Beitrag aus dem Deutschlandfunk hierzu: http://www.dradio.de/download/114393/

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