Die Technik muss gehen

Wenn Perfektion zum Hindernis wird

Entspannung, Gelassenheit, Selbstvertrauen, Liebe, Harmonie, Freude, Frieden, Glück, Kreativität, Intuition, eine Lebensaufgabe, Erfüllung, Sinn, Freiheit, Selbsterkenntnis oder sogar Erleuchtung – nach solchen Dingen Strebende suchen sich bisweilen Lehrer, die ihnen den Weg weisen. Von diesen lernen sie dann irgendeine Form von Technik, deren Anwendung sie von ihrem Leiden erlösen und ans Ziel ihrer Sehnsucht führen soll. Zumindest anfangs erliegen die meisten dem fundamentalen Missverständnis, dass die ersehnte Erlösung in der Perfektion der Technik liegt. Wer sein altes Gefängnis nicht nur neu tapezieren, sondern wahre Freiheit hinzugewinnen will, kommt nicht umhin irgendwann zu erkennen: Die Technik muss am Ende gehen.

Nachgeahmt, geheuchelt, vorgetäuscht und simuliert

  • Die Technik muss gehenWelchen Wert hat das virtuose Klavierspiel eines Pianisten, der Rachmaninov mit der emotionalen Sterilität eines Technosongs interpretiert?
  • Was nutzt dem Patienten die klientenzentrierte Gesprächsführung, wenn ihn der Therapeut nicht aufrichtig als Zentrum seines Interesses betrachtet und nur nach Lehrbuch vorgeht?
  • Wie Erfolg versprechend ist die gewaltfreie Kommunikation, wenn nur die Worte freundlich, die Gedanken jedoch voller Gewalt sind?
  • Stellt die mehrjährige Meditationspraxis im Kloster wirklich einen Fortschritt dar, wenn der turbulente Alltag der Großstadt in Sekundenschnelle wieder inneren Tumult auslöst?
  • Macht es wirklich einen Unterschied, sich Buddhist zu nennen und Mitgefühl zu predigen und doch nicht mehr als Mitleid für all die »weniger Erleuchteten« aufbringen zu können?
  • Wie aufrichtig kann die in der eigenen Gemeinde praktizierte christliche Nächstenliebe sein, wenn im Herzen gleichzeitig die Verachtung für jene, die den eigenen Glauben nicht teilen, schwelt?
  • Was wäre Tango Argentino ohne den zeitlosen Fluss gegenseitiger Achtsamkeit, wenn die Schrittfolgen schon längst vergessen sind?
  • Unterscheidet sich Aikido ohne die Entdeckung des Ai und des Ki noch von rhythmischer Sportgymnastik?

Auflösung eines Paradoxons

Wenn uns nach der Wiederentdeckung unserer Essenz dürstet, stoßen wir auf ein Paradoxon, denn wir haben vergessen, was wir suchen, wir wissen nur noch, dass wir es suchen. Beispielsweise kann Kreativität nicht direkt erlernt werden, Kreativitätstechniken können jedoch helfen, sie wieder zu entdecken. Und wer, um seine inneren Dämonen zu zähmen, seinen ersten Meditationskurs besucht, kann zu diesem Zeitpunkt unmöglich wissen, was Meditation wirklich ist, doch beharrliche Anwendung der Meditationstechnik ermöglicht vielleicht deren Erfahrung.

Gerade anfangs läuft der Suchende jedoch Gefahr, die Technik mit der Essenz zu verwechseln und die Lösung mit dem denkenden Geist zu suchen, der jedoch zugleich Verursacher des Problems ist. Denn bevor Essenz nicht zumindest erahnt oder erfahren wird, mangelt es an Alternativen, und so gaukelt unser Denken uns Kontrolle vor und sagt: »Wenn Du die Technik nur gut genug beherrschst, dann bist du endlich am Ziel!« Der schlechte Lehrer wird seinen Schüler nun weiter zur Perfektion der Technik antreiben, der gute wird ihn daran erinnern, dass die Technik nur Mittel zum Zweck ist, eine Krücke oder ein »Ermöglicher«. Die Wahrheit enthüllt sich nämlich meist heimlich und unerwartet im Unterstrom der Anwendung – sie ist wie der Raum, der die Technik enthält, oder das weiße Papier, das die Buchstaben der Anleitung trägt.

Notwendig aber nicht hinreichend …

… würde der Mathematiker sagen. Die meisten Menschen auf der Suche nach ihrem wahren Wesen scheinen Techniken als Unterstützung auf ihrem Weg zu benötigen. Allerdings kann keine Technik einen Erfolg garantieren, denn letztendlich liegt die Verantwortung immer beim Anwender. Kein Lehrer dieser Welt kann seinen Schüler zum Glück zwingen, der jederzeit die Wahl hat, an der Technik anzuhaften und sich damit selbst die Erfahrung tieferer Dimensionen zu verschließen. So gesehen ist die Technik Segen und Fluch zugleich.

Wie sehr sie zum Selbstzweck werden kann, können Sie an der westlich-degenerierten Form des Yoga in einer Muckibude Ihrer Wahl gleich um die Ecke beobachten. »Aber körperliche Fitness ist doch auch ein Wert!« sagen Sie? Klar, aber dann ist es eben nur eine Technik zur körperlichen Ertüchtigung, die mit Yoga nur noch wenig beziehungsweise gar nichts mehr gemein hat. Und dann sollte man es auch nicht mehr so nennen, wie ich finde.

© 2011 Björn Klug

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