Das Ei in Aikido

Ein universelles Prinzip der Kommunikation

Kürzlich durfte ich meine erste Unterrichtsstunde in Aikido geben. Bei meiner Vorbereitung sind mir die Parallelen der sogenannten »sanften Kampfkunst« zur bewussten Kommunikation nochmals besonders aufgefallen. Was wir von dieser bemerkenswerten Philosophie der Selbstverteidigung für ein harmonisches Miteinander in unseren Beziehungen lernen können, davon handelt dieser Artikel. Denn Aikido ist nichts anderes als gewaltfreie Kommunikation auf körperlicher Ebene.

Jene, die die Geheimnisse des Aikido verstehen, haben das Universum in sich und können kühn verkünden: »Ich bin das Universum!«
– Morihei Ueshiba, Schöpfer des Aikido

Eine sehr, sehr kurze Einführung in Aikido

Bild: Olli Haas citizenx-photo.com

Auf die Frage, was denn Aikido eigentlich sei, wird man ziemlich häufig eine Antwort erhalten, die so ähnlich lautet wie: »Aikido ist eine japanische Form der Selbstverteidigung, bei der die Angriffsenergie in kreis- und spiralförmige Bewegungen umgeleitet und dem Angreifer auf eine Weise zurückgegeben wird, dass er erstens nicht verletzt wird und zweitens die Sinnlosigkeit seines Angriffs begreift. Ai bedeutet soviel wie Harmonie, Ki in etwa Universelle Lebensenergie und Do der Weg. Außerdem gibt es im Aikido keinerlei Wettkampfaspekt.« Eine solche Definition wirft zwar mehr neue Fragen auf als sie beantwortet, aber für unseren Zweck soll sie vorerst genügen.

Der größte Anteil einer gewöhnlichen Aikido-Stunde besteht im Erlernen und Üben von Formen und Techniken. Das ist Teil des Do. Um die Techniken gut ausführen zu können, sollte der Übende Ki entwickeln, was sich idealerweise darin äußert, dass er die Zeit in Präsenz auflöst, oder, anders gesagt, dass er sich mit leerem Geist voll im gegenwärtigen Moment befindet. Bis hierhin unterscheidet sich Aikido noch nicht wesentlich von anderen Kampfkünsten. Nun kommt aber Ai, die Harmonie, ins Spiel. Ganz konkret sorgt Ai dafür, dass der Angreifer das Gefühl hat, er würde wie durch ein Vakuum aufgesogen und seine Angriffsenergie würde ihm nach einer kurzen Bewegung im Gleichklang wieder zurückgegeben. In Ai verbirgt sich das Prinzip, durch das sich Aikido von anderen Kampfkünsten grundlegend abhebt. Um dies umsetzen zu können, muss der Aikidoka irgendwann erkennen, dass die Technik zwar notwendig, aber letzten Endes nur zweitrangig ist.

Ai mit dem Ei herstellen

Für meine Stunde nahm ich mir vor, diesen Aspekt der Harmonie in den Techniken, die wir üben, besonders herauszustellen. Um mein Lehrziel zu verdeutlichen, benutzte ich folgendes Beispiel, das sehr anschaulich alle wichtigen Facetten einer Aikido-Form illustriert.

Angenommen, ich bekomme ein rohes Ei zugeworfen, und meine Aufgabe besteht darin, es zu fangen und sogleich wieder zurückzuwerfen, ohne dass es dabei zu Bruch geht. Je nach Anfangsgeschwindigkeit des Eies dürfte das für die meisten Menschen ohne allzu viel Übung eine machbare Aufgabe sein. Die beste Lösungsstrategie ist vermutlich, die Hand dem Ei möglichst früh in einer weit ausholenden Bewegung entgegenzustrecken und ihre Bewegung der Flugbahn des Eies anzupassen, um eine sanfte Aufnahme zu gewährleisten. Sodann wird sich die Hand samt Ei dem Körper zubewegen, wobei der Kontakt zwischen beiden kontinuierlich stärker wird, um das Ei abbremsen zu können. Wie bei einer Schaukel, die zurückschwingt, wird die gleiche Bewegung nun umgekehrt, um das Ei wieder zurückzuwerfen – mit sanfter Beschleunigung, damit die Hand es nicht zerquetscht.

Die Analogien zum Aikido sind folgende:

  • Harmonie in der Bewegung: Schon während der Werfer zum Wurf ansetzt, werde ich versuchen, mich in vollkommenen Einklang mit ihm, bzw. seiner Bewegung, zu bringen, um die Flugbahn des Eis zu antizipieren. Die Bewegung meiner Hand wird sich der Flugbahn in Geschwindigkeit und Richtung so gut es geht angleichen, bevor sie Kontakt mit dem Ei aufnimmt. »Hin zu …« statt »Weg von …«
  • Präsenz: All dies geschieht – optimalerweise – vollkommen in der Gegenwart, ohne über die Vergangenheit, also die Ursachen der Situation, noch über die Zukunft, also den möglichen Ausgang des Prozesses nachzudenken.
  • Leerer Geist: Wenn Aikido funktionieren soll, hat das Denken zu schweigen, und jede Erwartung muss losgelassen werden. Um über die Technik nachzudenken, bleibt keine Zeit, denn lange bevor ich zu einem Schluss käme, hätte die Faust mich schon erreicht. So auch beim Ei: Ich analysiere nicht etwa die Flugbahn und löse komplexe Differentialgleichungen, um mich dann zu entscheiden, welche Muskelgruppen ich wohl in welcher Reihenfolge aktivieren muss, um den Arm korrekt zu bewegen, wobei ich ja auch noch den sensorischen Input meiner Hand als Regelgröße berücksichtigen muss … Wie durch ein Wunder geschieht alles vollautomatisch, wobei Gedanken nicht nur überflüssig, sondern sogar hinderlich sind.
  • Die Technik ist schon gegangen: Natürlich könnten wir einen derart komplexen Vorgang kaum bewerkstelligen, ohne die erforderlichen Bewegungsabläufe erlernt zu haben. Die meisten von uns werden das beim Ballspiel auf dem Kinderspielplatz irgendwann einmal erledigt haben. Offenbar kann unser Körper diese Abläufe Jahre später und ohne vorhergehende mentale Analyse »einfach« abrufen.
  • Kreise und Spiralen: Das Umleiten des ankommenden Eies ist am einfachsten, wenn die Bewegung »rund« ist.
  • Kein Schaden: Wie auch dem Angreifer beim Aikido wird in diesem Beispiel auch dem Ei kein Schaden zugefügt. Der ganze Vorgang ist von der Absicht der Gewaltlosigkeit bestimmt.

Aikido im Alltag

Ai bedeutet nicht nur, den Angreifer ins Leere laufen zu lassen und ihn körperlich unversehrt zu lassen. Ai sagt: »Ich bin in Harmonie mit dir, selbst wenn du versuchst, mir Schaden zuzufügen.« Im Aikido wird der Angreifer gar nicht erst als Gegner gesehen, sondern zum Verbündeten erklärt. Von diesem Ai schneiden wir uns jetzt eine Scheibe ab.

Verteidigung ist die erste Handlung des Krieges
– Byron Katie

Sich gegen körperliche Gewalt zu schützen, gehört zu den Überlebensinstinkten des Menschen, von denen sich die meisten für das alttestamentarische »Auge um Auge« entscheiden, statt die andere Wange hinzuhalten, wenn sie die Wahl haben. Der Jurist nennt das Notwehr. Und so findet es folgerichtig kaum jemand fragwürdig, dass wir im Normalfall auch verbale Angriffe nach demselben Prinzip beantworten. Wir sind stetig auf der Hut, alles reflexartig abzuwehren, was auch nur nach Angriff riecht. Gelernt haben wir das schon im Kindergarten:

»Du bist doof!«
»Selber!«

Dreißig Jahre später hat sich nicht viel verändert:

»Du bist ein gefühlloser Idiot und verstehst mich nicht!«
»Wie sollte ich auch, wenn du …«

Geradezu undenkbar wäre für viele eine Antwort wie die folgende:

»Du bist ein gefühlloser Idiot und verstehst mich nicht!«
»Du klingst verärgert. Erzähl mir bitte mehr darüber, was du damit meinst.«

So in etwa sähe Kommunikation nach Aikido-Prinzipien aus. Hier die Parallelen:

  • Harmonie: Wenn meine Antwort gewaltfrei sein soll, dann bringe ich mich in Harmonie mit meinem Gegenüber, indem ich mich ihm liebevoll zuwende, statt mich zu verteidigen. Ich gebe die Vorstellung auf, einem Gegner gegenüberzustehen und sehe ihn stattdessen als Verbündeten. Ich interessiere mich aufrichtig für seine Bedürfnisse.
  • Präsenz: Meine Aufmerksamkeit ist voll darauf gerichtet, den Raum mit der anderen Person zu teilen, um sowohl inhaltlich als auch emotional alles erfassen zu können. Meine Absicht ist, in Resonanz zu gehen.
  • Leerer Geist: Hier hinkt der Vergleich etwas, denn in verbaler Kommunikation ist logischerweise der Geist niemals wirklich leer. Dennoch ist der Verstand in diesem Fall weder damit beschäftigt, die Vergangenheit zu analysieren (z. B. um herauszufinden, warum der andere selbst schuld ist), noch damit, die Zukunft zu kontrollieren (z. B. um den anderen zu manipulieren). Der Geist dient lediglich als Werkzeug, um tiefer liegenden Wahrheiten Raum zu verschaffen.
  • Technik: Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als mir die Prinzipien der bewussten Kommunikation noch neu waren und ich sie eher unbeholfen anwenden wollte, ohne die erforderliche innere Haltung bereits zu besitzen. »Erzähl mir mehr über dein Problem.« funktioniert eben nicht besonders gut, wenn »Aber mach schnell!« im Tonfall mitklingt. Man könnte sagen, ich hatte noch nicht genügend Ki. Wenn die Antwort also nur als Technik begriffen wird, fördert sie den Konflikt eher. Nichtsdestotrotz ist die Technik anfangs unverzichtbar, um Ki zu sammeln.
  • Unverletzt: Bei dieser Art gewaltfreier Kommunikation ist es unmöglich, das Gegenüber absichtlich zu verletzen.

Ein Weg zur vollkommenen Freiheit

Auf den ersten Blick mag es manchem seltsam erscheinen, dass er in einer konfliktgeladenen Situation gar nicht erst versuchen soll, die eigenen Interessen in die Waagschale zu werfen. »Dann bekommt der andere ja immer Recht!« ist ein häufiger Einwand. Der »Trick« beim Aikido aber ist, den Konflikt gar nicht erst entstehen zu lassen, so dass sich die Frage nach Gewinnen oder Verlieren erst gar nicht stellt. Meine persönliche Erfahrung ist, dass ich es noch nie bereut habe, wenn ich über meinen eigenen Schatten gesprungen bin und »kommunikatives Aikido« angewandt habe, statt in die Defensive zu gehen. Denn im Kampf bin ich Gefangener meiner eigenen Zielvorstellungen. Nur in der Harmonie kann ich vollkommene Freiheit erleben.

Oder anders gesagt: Widerstand ist zwecklos.

© 2011 Björn Klug

Literatur zum Thema

Morihei Ueshiba - The Secret Teachings of Aikido Morihei Ueshiba – The Secret Teachings of Aikido: Sicherlich nicht als Einführung in Aikido geeignet und meines Wissens nur in Englisch verfügbar. Wer sich für die tiefen spirituellen Wurzeln des Aikido interessiert, wird hier fündig werden.

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