Diäten funktionieren nicht

… außer für Politiker

Jede Woche werden uns in der einschlägigen Presse gleich mehrere »neue« Diäten vom Typ »Diese funktioniert jetzt aber wirklich! Ganz ehrlich!« präsentiert. In seiner Verzweiflung kauft’s der Dicke, ohne zu begreifen, was das Versprechen gleichzeitig nämlich auch sagt: »Alle 10.000 Diäten, die wir Ihnen bisher mit derselben Zusage präsentiert haben, haben offenbar nicht funktioniert.« Gleich daneben die Anzeige für das brandneue Verfahren zur Raucherentwöhnung, das Ihnen – um es gleich vorwegzunehmen – auch nichts bringen wird. Ich behaupte, dass noch nie eine Diät funktioniert hat. Was jedoch nicht bedeutet, dass noch nie jemand unter Zuhilfenahme einer Diät erfolgreich abgenommen hätte. In diesen Fällen war es jedoch nicht die Diät, die geholfen hat, sondern das Commitment – der erklärte innere Willen – derjenigen, die die Diät gemacht haben. Im Prinzip wäre der gleiche Erfolg auch ohne ein spezielles Verfahren möglich gewesen. Hier verrate ich Ihnen alles, was Sie für eine erfolgreiche Suchtbewältigung wissen müssen.

Essen als Sucht wie jede andere

Prinzipiell besteht kein Unterschied zwischen verschiedenen Süchten, ob es sich nun um Essen, Nikotin, Alkohol, Fernsehen, Sex, Streit, Spiel, Internet oder harte Drogen handelt. Das Hauptmerkmal jeder Sucht ist, dass mit der Suchthandlung ein Gefühl, das nicht gefühlt werden möchte, überdeckt werden soll. Eine Befreiung von der Sucht kann daher nur stattfinden, wenn die eigentliche innere Ursache erkannt und bewusst gemacht wird. Wenn diese Grundvoraussetzung nicht gegeben ist, muss jede Anstrengung, die lediglich im Außen stattfindet, zwangsläufig scheitern. Anders gesagt: Keine Person und auch keine Methode kann mich von meiner Sucht heilen. Das kann nur ich selbst.

Einer meiner früheren Kollegen, der relativ viel rauchte, verkündete eines Tages enthusiastisch die Neuigkeit, dass er nun (nach einigen gescheiterten Versuchen) endlich wirklich mit dem Rauchen aufhören würde, da ihm seine Freundin eine Raucherentwöhnung durch Akupunktur zum Geburtstag geschenkt hatte. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich habe ihm aufrichtig Erfolg gewünscht – doch ich wäre fast jede Wette eingegangen, dass er bald wieder rauchen würde, und zwar aus folgenden 2 Gründen: Erstens kam seine Motivation nicht aus ihm selbst, sondern von einer anderen Person, und zweitens glaubte er, dass ihn jemand anderes von seiner Sucht befreien könnte, ohne dass er sich mit ihrer eigentlichen Ursache auseinandersetzen müsse. Und so rauchte er bereits 5 Tage nach Abschluss der Behandlung wieder genauso stark wie vorher. Eine beispielhafte Geschichte, wie sie sich sicherlich schon zigtausende Male in ähnlicher Form abgespielt hat.

Die körperliche Abhängigkeit ist nebensächlich

Das Beispiel zeigt unter anderem, dass im Zusammenhang mit Suchtbewältigung die körperliche Abhängigkeit vom Suchtmittel allgemein überbewertet wird. Tatsächlich ist die Überwindung der körperlichen Entzugserscheinungen nur Nebensache, wenn auch eine notwendige. Ein weiteres Beispiel:

Ende der 90er arbeitete ich noch als Forschungsingenieur in der anästhesiologischen Klinik der Charité in Berlin. Zu dieser Zeit begann ein Kollege gerade mit der Einführung einer brandneuen Methode zum körperlichen Drogenentzug, bei dem die Patienten bis zu 48 Stunden in tiefe Narkose versetzt werden, während neuartige Pharmazeutika die Neurorezeptoren von den Substanzen befreien, die für die körperlichen Entzugserscheinungen verantwortlich zeichnen. So kann dem Süchtigen die schmerzhafte und qualvolle Phase des Entzugs bei Absetzen von Alkohol, Heroin oder Opiaten erspart werden. Das Verfahren war zumindest damals exklusiv und recht kostspielig und sprach sich bei zahlungskräftigen Kunden in ganz Europa herum. Ich kenne nicht die genauen Zahlen, aber obwohl eine sehr niedrige Rückfallquote versprochen wurde, war die langfristige Erfolgsquote geradezu lächerlich gering.

Bewusstheit als Schlüssel

Hier wird klar, dass der Widerstand gegen das Symptom nicht zur Lösung des Problems führen kann. Wenn ich also mein Übergewicht als das Problem sehe und versuche, dieses zu bekämpfen, statt die wahre Ursache meines Zwangs, ein Übermaß an Nahrung zu mir zu nehmen, dann bleibe ich weiter süchtig. Was mich daran erinnert, wie ich mich vor einigen Jahren aus Angst vor einer drohenden Gewichtszunahme in einer Muckibude anmeldete, motiviert mit dem Training begann und nach vier Wochen meinen Halbjahresvertrag sogleich wieder kündigte. (Wobei mir auffällt, dass die am besten florierenden Wirtschaftszweige auf den Süchten ihrer Kunden aufbauen …) Und selbst wenn ich es auf diese Weise doch schaffen sollte, ein Suchtmittel loszuwerden, werde ich es bald durch ein anderes ersetzen. Beispielsweise ist allgemein bekannt, dass Menschen, nachdem sie das Rauchen aufgegeben haben, zur Gewichtszunahme neigen.

Die funktionierende Alternative liegt in der Anwendung von Bewusstheit. Michael Beckwith hat in einem Interview einmal seine Methode zu Raucherentwöhnung so beschrieben:

Nein, hören Sie nicht mit dem Rauchen auf. Nehmen Sie die Zigarette und genießen Sie jeden einzelnen Zug. Seien Sie sich des Geruchs auf Ihren Fingern gewahr. Seien Sie sich gewahr, wie der Geruch in Ihre Kleider zieht. Seien Sie sich dessen gewahr, wie der Rauch in Ihre Lungen strömt und was dieser Prozess Ihrem Körper antut. Seien Sie sich einfach vollkommen gewahr, wie sie diese Zigarette richtig rauchen – und dann werden Sie sich vielleicht sogar des Gefühls bewusst, das Sie kurz vorher hatten, bevor Sie die Zigarette geraucht haben.

Mit der Bewusstmachung jenes Gefühls ist es also möglich, das zwanghafte Verhalten zu durchbrechen, das genau dieses Gefühl verdrängen soll. Die letztlich befreiende Entdeckung besteht darin, dass wir Angst haben können und gleichzeitig frei in unserem Handeln sein können, statt uns einem Zwang hinzugeben. Die Zwangshandlung – und damit die Sucht – wird so überflüssig.

Mein Lehrer Gay Hendricks, der im Alter von 24 Jahren nach eigenen Angaben ein übermäßig fetter Kettenraucher war, stellt heute seinen Klienten, die sich von Rauchen oder Fresssucht befreien wollen, manchmal die Frage: »Warum möchtest du sterben?« Eine Frage, die nur auf den ersten Blick krass scheint, auf den zweiten jedoch folgerichtig, wenn wir uns einmal ansehen, wie wir mutwillig und wissentlich unsere Körper vergiften.

Sind wir nicht alle ein wenig süchtig?

Um zum ursprünglichen Beispiel zurückzukehren: Genau genommen  ist Abnehmen geradezu lächerlich simpel. Ich muss mich einfach nur bewusst dafür entscheiden, was ich in meinen Mund hineinstecke, und was nicht. Die dazu notwendige Intuition, was uns gut tut, ist in jedem von uns vorhanden, wenn sie von den meisten vielleicht auch neu entdeckt werden muss. Der Fehler mit der Denkweise bei Diäten besteht darin, dass etwas kontrolliert werden soll, was nicht kontrollierbar ist: das Gewicht. Was ich aber sehr wohl kontrollieren kann, ist die Nahrung, die ich zu mir nehme.

Wir sind alle süchtig, mehr oder weniger. Das zwanghafte Prüfen auf neue E-Mails im 5-Minutentakt mag vielleicht harmloser erscheinen als sich Heroin zu spritzen, doch ihrem Wesen nach sind beide Süchte nicht wirklich verschieden. Bei genauer Betrachtung hat sogar jede einzelne unserer Gewohnheiten Suchtpotenzial. Ob sie zur Sucht werden, entscheidet allein unsere Bewusstheit. Wir haben alle die Freiheit zu entscheiden, wieviel Bewusstheit wir unseren Handlungen und Gewohnheiten schenken. Je mehr, umso freier sind wir, je weniger, umso mehr machen wir uns zu Gefangenen unserer selbstfabrizierten Zwänge.

Natürlich können auch Diäten sinnvoll sein, doch wie auch jedes andere Drogenentzugsprogramm sind sie eine absolute Verschwendung von Zeit und Energie, wenn nicht die folgenden beiden Voraussetzungen erfüllt sind:

  1. Das aufrichtige und von innen gespeiste Commitment, sich von der Sucht zu befreien
  2. Die Bereitschaft, seinen eigenen schlimmsten Dämonen in die Fratze zu blicken

© 2011 Björn Klug

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