Der große Sprung

Das Problem der oberen Grenze lösen

Wenn es uns zu schlecht geht, gehört es zu unserem ganz normalen Selbsterhaltungsprogramm, etwas zu unternehmen, damit es uns wieder besser geht. Jeder findet das ganz natürlich. Doch finden Sie es genauso natürlich, dass wir unser Wohlbefinden unbewusst wieder dämpfen, wenn es uns »zu gut« geht? Man könnte geradezu meinen, wir wären mit einem Thermostat ausgestattet, der dafür sorgt, dass sich unser Wohlbefinden nicht zu stark von einer gedachten horizontalen Mittellinie entfernt. Die gute Nachricht ist: Wir können den Thermostat verstellen. Wie Sie den Regler finden und ihn nach oben schieben können, verrät das vorgestellte Buch.

Bevor mir Gay Hendricks und seine Frau Kathlyn die Augen für diese Dynamik geöffnet haben, wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass mit meiner »Bequemlichkeitszone« etwas nicht in Ordnung sein könnte. Es schien mir ganz natürlich, dass sich im statistischen Mittel mein Leben »ganz OK« anfühlte, sich das Grundniveau meines Wohlbefindens über die Zeit also kaum veränderte. Es schien mir ebenso natürlich, dass ich bewusst Schritte zur Linderung unternahm, wenn mein Leidensdruck einen gewissen Wert überschritt. Klar, wer auch würde das nicht tun.

Reflexsabotage

Rückblickend scheint es mir allerdings überhaupt nicht mehr natürlich, dass ich auch in anderer Richtung mittels unbewusster Handlungen mein Wohlbefinden dämpfte, wenn es drohte, unbekannte Höhen zu erreichen. Das sah zum Beispiel so aus, dass ich eine romantische Stimmung mit meiner Partnerin – statt sie zu genießen und mich freudvoll darin auszudehnen – mit einem gezielten Satz schlagartig in einen heftigen Streit kollabieren lassen konnte. Erst retrospektiv konnte ich mich darüber wundern, wie unvermittelt die tödlichen Worte meinen Mund überhaupt erst verlassen konnten – gleichsam fremdgesteuert und so, als ob es nicht wirklich meine eigenen gewesen wären.

Ein anderer Klassiker: Eine Frau kauft sich von ihrem mühsam angesparten Geld ein wunderschönes Kleid, auf das sie schon lange ein Auge geworfen hatte, und ruiniert es schon beim ersten Tragen unwiderruflich mit einem riesigen Rotweinfleck. Natürlich haben diese Formen der unbewussten Selbstsabotage auch eine Ursache, die es bewusst zu machen gilt, wenn wir unsere Fähigkeit, uns gut zu fühlen, auf die nächste Ebene heben wollen.

Gebrauchsanleitung für ULPs

Baseline

© 2011 Björn Klug

In seinem Buch gibt Gay Hendricks zunächst einen Überblick über die Natur des Problems der oberen Grenze, des Upper Limit Problems. Um es zu lösen, sagt er, müssen wir zuallererst unsere Bereitschaft prüfen, unsere Kapazität zu vergrößern uns wohlzufühlen. Im nächsten Schritt finden wir heraus, wieviel unserer Lebenszeit wir in den jeweiligen Bereichen unserer Begabung (Inkompetenz, Kompetenz, Exzellenz und Genius) verbringen. Es geht uns umso besser, je häufiger wir uns im Genius-Bereich bewegen.

Nun können wir die Wurzel des Problems identifizieren und extrahieren. Diese besteht aus mindestens einer von vier Grundversionen von Glaubenssätzen, die uns in unserer Kindheit eingepflanzt wurden, z. B. »Mit mir ist etwas grundlegend falsch.« oder »Größerer Erfolg bringt auch eine größere Last mit sich.« Dann ist es wichtig, uns im Alltag bewusst zu machen, wie wir uns mit Sorgenmachen, Kritik, Schuldzuweisung, Defensivhaltung, Zank, Krankheit und selbst zugefügten Verletzungen obere Grenzen schaffen. Praktische Anweisungen zum Umgang mit diesen Verhaltensweisen runden das Kapitel ab.

Die folgenden drei Kapitel zeigen auf, wie wir mehr und mehr Zeit in unserem Genius-Bereich verbringen können, das ist der Bereich unserer natürlichen Begabungen, deren kreativer Ausdruck uns ein Gefühl höchster Erfüllung vermittelt (siehe auch Artikel über Essenz). Das letzte Kapitel bietet konkrete Hinweise zum Umgang mit dem Problem der oberen Grenze in der Paarbeziehung.

Fazit

Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund, warum wir uns nicht die ganze Zeit gut fühlen können. Unwohlsein ist dann nur noch das Signal dafür, dass es einer Nachregelung des Thermostats bedarf. Als jemand, dessen Perioden der inneren Unzufriedenheit bei weitem zu überwiegen pflegten, kann ich heute sagen: Es ist möglich, die Zeiten des Wohlbefindens immer weiter zu verlängern. Es ist möglich, in Beziehungen allzeit Harmonie und Intimität zu erleben.

© 2011 Björn Klug

Literatur zum Thema

Gay Hendricks - Lebe dein Leben, bevor es andere für dich tunGay Hendricks – Lebe dein Leben, bevor es andere für dich tun: Die sogenannte Genius-Arbeit ist ein grundlegender Bestandteil des körperzentrierten Coachings nach Hendricks und seit 2010 nun endlich in Buchform und auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Es ist Gays derzeit neuestes Werk.

Urteilen Sie selbst, wieviel Ignoranz notwendig war, um den Originaltitel »The Big Leap: Conquer Your Hidden Fear and Take Life to the Next Level« derart zu verstümmeln. Eine treffendere Übersetzung wäre »Der große Sprung: Überwinden Sie Ihre verborgene Angst und bringen Sie Ihr Leben auf die nächste Ebene«. Ich werde wohl niemals die Hybris deutscher Verlage nachvollziehen können, mit der sie fremdsprachige Werke verstümmeln, die keiner inhaltlicher Verbesserung bedürfen.

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