Pilates und inverse Atmung

Wenn der Atem kopfsteht

Ich kann den Aufschrei der Empörung, der durch die Menge der Pilates-Anhänger geht, förmlich schon hören, und selbst wenn ich mir mit dem Folgenden potentielle Klienten vergraulen sollte, muss es doch gesagt werden: Die Atemtechnik, die beim Pilates gelehrt wird, ist sowohl physiologisch als auch energetisch kontraproduktiv und verfestigt pathologische Atemmuster statt sie aufzulösen. Hier erfahren Sie, warum Pilates diese Form des Atems lehrte und warum diese Schule des Fitnesstrainings trotzdem so beliebt ist.

Pilates als Marke verkauft sich offenbar hervorragend. Kaum eine Muckibude kann es sich inzwischen noch leisten, nicht mindestens einen Pilateskurs anzubieten. Irgendetwas muss also dran sein am Hype, der sich anschickt, sogar dem Fitness-Yoga ernsthaft Konkurrenz zu machen. Und meine Ansicht ist wie immer: Wenn’s den erhofften Erfolg bringt und das Wohlbefinden steigert – weitermachen! Allerdings gibt es da eben jenen Aspekt, den ich zumindest für überdenkenswert halte. Um diesen besser beurteilen zu können, brauchen wir zunächst eine Mini-Einführung in die Atemmechanik.

Natürliche Atmung

© 2011 Björn Klug

Bei physiologisch normaler und natürlicher Atmung – die Sie übrigens nur sehr selten beobachten werden – leistet das Zwerchfell die Hauptarbeit. Das Zwerchfell ist eine Muskelplatte, die die Brusthöhle von der Bauchhöhle trennt und im entspannten Zustand (nach dem Ausatmen) kuppelförmig nach oben gewölbt ist. Bei Kontraktion des Zwerchfells wird die Kuppel flacher, so dass die Lungen sich ausdehnen und so Luft einsaugen können. Gleichzeitig führt diese Abwärtsbewegung automatisch dazu, dass die Bauchdecke nach außen gedrückt wird – sofern die Bauchmuskulatur nicht angespannt ist. Diese Phase wird Bauchatmung genannt. Die Ausdehnung des Brustkorbs setzt erst in der zweiten Phase der Inspiration ein und wird durch ein komplexes Zusammenspiel von Muskeln verursacht, die zwischen den Rippen liegen. Dieser Mechanismus wird als Brustatmung bezeichnet.

An dieser Stelle ist es wichtig zu wissen, dass die unteren Bereiche der Lungenflügel nur durch die Bauchatmung aufgedehnt werden können. Da die unteren Lungenregionen von einer deutlich größeren Menge Blut durchflossen werden als die oberen, wird offensichtlich, dass hier das größte Potential für die Sauerstoffaufnahme zu finden ist. Inzwischen dämmert Ihnen vielleicht schon, worauf ich hinaus will.

Inverse Atmung

Wenn ich also beim Einatmen meine Bauchmuskulatur anspanne und den Bauch flach halte, verhindere ich die Bauchatmung, und ich kann nur noch in die Brust atmen. Dies nennt man inverse Atmung. Zumindest in unserer westlichen Welt ist diese Form der Atmung die Regel, und meiner persönlichen Beobachtung nach atmen schätzungsweise mindestens 95% aller Menschen eher invers als natürlich. Vermutlich werden Sie staunen, wenn ich Ihnen den Hauptgrund dieses Phänomens nenne: Die meisten haben nie gelernt, auf eine gesunde Art mit Angst umzugehen. Um nicht allzu weit ausholen zu müssen, hier eine stark vereinfachte Erläuterung im Telegrammstil:

Wenn ein Tier auf eine lebensbedrohliche Situation trifft, schaltet der Körper auf Kampf- oder Fluchtmodus um. Symptome des zugehörigen Reaktionsmusters sind die Anspannung der gesamten Körpermuskulatur (also auch der Bauchmuskulatur) und ein reduzierter und flacher Atem. Dieses Programm ist in unseren evolutionsgeschichtlich alten Hirnteilen (unserem sog. Reptiliengehirn) immer noch gespeichert und auch abrufbar. Dummerweise wird es (spätestens) von Geburt an beim Menschen auch in Angstsituationen ausgelöst, wenn gar keine Lebensbedrohung vorhanden ist. Die Folge: Immer, wenn wir Angst haben, atmen wir invers, und da wir ständig mit irgendwelchen Ängsten zu tun haben, wird diese Form des Atmens zur Gewohnheit und später sogar zum Normalzustand.

Sie können sich vorstellen, dass ein flacher Bauch als Teil unseres Schönheitsideals kaum zur Besserung dieses kollektivpathologischen Phänomens beiträgt. Dies sind jedenfalls die beiden Hauptgründe für die inverse Atmung in unserer Gesellschaft. Nun kommt Herr Pilates und liefert noch einen dritten.

Inspirationshemmer

Atemtechniken sind ein zentraler Bestandteil vieler Heilmethoden, spiritueller Schulen und verschiedenster Methoden zur körperlichen Ertüchtigung. Außer Pilates ist mir jedoch keine andere Schule bekannt, in der die inverse Atmung Bestandteil der Lehre wäre. Ob nun Yoga, Tai Chi, Qui Gong, Aikido oder die Alexandertechnik – überall finden wir die Bauchatmung wieder, wenn auch in der ein oder anderen Variation. Wie ist also Pilates darauf gekommen, hier die große Ausnahme zu machen?

Ich will Sie nicht lange auf die Folter spannen – Pilates war Asthmatiker. Und Asthmatiker fühlen sich mit inverser Atmung deutlich wohler als mit natürlicher. Die Folge: Millionen Menschen lernen nun in ihrer Freizeit, wie Asthmatiker zu atmen. Und natürlich beschwert sich keiner, denn bequemerweise müssen ja die meisten ihre Atemgewohnheiten gar nicht erst ändern.

Vorteile des bewussten Atems

Bevor ich bei Gay Hendricks in die Schule gegangen bin, habe ich über 30 Jahre lang invers geatmet. Nach einiger Zeit der Übung atme ich inzwischen wieder auf natürliche Weise, auch wenn ich mich nicht bewusst darauf ausrichte. Atme ich doch einmal wieder invers, so verwende ich das als nützliches Signal meines Körpers, um meine Aufmerksamkeit wieder in den gegenwärtigen Moment zu bringen, da eine unbewusste Angstreaktion im Gange sein muss. Versuche ich, bewusst invers zu atmen, so stellt sich schon beim ersten Atemzug bei mir ein intensives körperliches Gefühl der Beklemmung ein, wie bei einer Angstreaktion, was mir deutlich macht, wie unnatürlich es ist, dauerhaft auf diese Weise zu atmen.

Richtiges Atmen ist das Bewusstwerdungs-Werkzeug Nummer 1. Ganz nebenbei ist es auch noch fürchterlich gesund und erhöht durch die höhere Zufuhr von Sauerstoff enorm die Leistungsfähigkeit. Nicht zu unterschätzen ist auch die Heilwirkung des Atems. Ich habe während meiner Ausbildung persönlich erleben dürfen, wie sich eine Kollegin durch konsequente Atemübungen von einer mittelschweren Form des Asthma hat befreien können.

Basis dieses Artikels ist, was ich bei Gay Hendricks über das Atmen gelernt und inzwischen über ein Jahrzehnt erfolgreich bei mir und meinen Klienten angewendet habe. Gay Hendricks hat über 3 Jahrzehnte intensiv über die verschiedenen Aspekte des Atems geforscht, und vermutlich gibt es nicht viele andere, die ähnlich viel über dieses Thema wissen.

Auch wenn Sie (noch) nicht Pilates praktizieren, achten Sie doch einmal bewusst darauf, wie sich die beiden verschiedenen Formen des Atems für Sie persönlich anfühlen und lassen dann Ihre Intuition entscheiden, welches die gesündere Variante für Sie sein mag.

© 2011 Björn Klug

Gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit Atmung?

Asthma oder eingeschränkte Leistungsfähigkeit?

In meiner Atemschule lernen Sie mit sehr einfachen Methoden wieder natürlich zu atmen.

Literatur zum Thema

Gay Hendricks - Bewusst atmenGay Hendricks – Bewusst atmen

Gay Hendricks - The Breathing BoxGay Hendricks – The Breathing Box

http://www.hendricks.com/ecourses/breathing-coach: 2 Videos von Gay mit Anleitungen zu Atemübungen.

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4 Kommentare to “Pilates und inverse Atmung”

  1. Als Chi Gong Lehrer hierzu eine kurze Bemerkung:
    Es gibt zahlreiche Chi Gong (Qigong) Übungen , bei denen zeitweilig die inverse Atmung eingesetzt wird, meist zum Umkehren des Energieflusses.
    Die Behauptung das es sie also ausschließlich beim Pilates gibt ist falsch.

  2. Vielen Dank für den Hinweis.

    »Zeitweilig« scheint mir hier das wichtige Wort zu sein. Auch im Qui Gong lernt der Anfänger zunächst (wieder) die natürliche Bauchatmung, um sie optimalerweise auch in den Alltag zu integrieren. Wichtig ist mir herauszustellen, dass inverse Atmung als Dauerlösung schlichtweg nicht empfehlenswert ist. Als bewusste Technik kann ich mir sie höchstens als nützlich vorstellen, um das Gegenteil zu spüren.

    Das ist, wie wenn jemand mit einem total verspannten Körper zu mir kommt, Entspannung lernen möchte, aber seine Muskulatur nicht bewusst entspannen kann. Dann lasse ich ihn erst einmal seine Verspannung bewusst steigern, um die dann folgende Entspannung überhaupt erst wahrnehmen zu können.

  3. als Atem-und Stimmtherapeutin frage ich mich auch warum Pilates so beliebt ist…
    Ich war auch lange der Meinung das die Bauchatmung „die“ physiologische Atmung ist, seid ich aber in Berührung mit den Atemtypen ( nach Erich Wilk ) gekommen bin sehe ich die Sache etwas differenzierter.
    Der Yogalehrer und Anatom Leslie Karminoff beschreibt in seinem Buch ( Yoga Anatomie) sehr stichhaltig wie es dazu kommt das bei dem einen sich der Bauch bewegt wenn er mit dem Zwerchfell atmet und beim anderen der untere Brustkorb.Je nachdem ob sich sozusagen der Ansatz des ZF ( Unterer Rippenbogen ) oder der Ursprung (Zwerchfellkuppel)sich bewegt.Und das alles ist dennoch physiologische Zwerchfell-Atmung . Meiner Meinung nach wird es erst schwierig wenn der obere Brustkorb dazu kommt ( sogenannte Hochatmung oder Schlüsselbeinatmung)und vor allem die Atmung nicht mehr unwillkürlich und geräuschlos durch die Nase geht sondern aktiv geholt wird. Was man bei Asthmatikern meistens beobachten kann.Insgesamt stimme ich Ihnen dabei zu das immer der einzelne spüren sollte was sich am besten anfühlt was aber oft garnicht so leicht ist wegen der erwähnten Stressmuster.

  4. Asthma kann man heutzutage mit der russischen Heilatmung nach Frau A.Strelnikova erfolgreich ausschalten.
    1) Man atmet scharf und laut durch die Nase ein.
    2) Das drückt die Lippen zusammen.
    3) Wie beim Küssen führt das zu einer Befreiung der Atmung mit etwas kräftigerem Herzschlag durch Reflex.
    4) Dieselbe Wirkung hat man bezeichnenderweise bei Fingerdruck an einer Lippe.
    5) Bei lang anhaltendem Pollenwetter halte ich längere Zeit die Lippen fest zusammen.
    Ich halte das für eine wissenschaftlichere Lösung des Asthmaproblems. Es hat mich geheilt.
    Josef Pilates hat sein Asthma geheilt. Vielleicht hat er auch mit Lippenreflex gearbeitet, d.h. mit etwas, das nicht deutlich thematisiert wird.

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