Life sucks, and then you die

Eine kurze Geschichte Ihres Lebens

Ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen, dass das Leben für die meisten Menschen eine Mühsal darzustellen scheint? Vielleicht wundern Sie sich auch hin und wieder darüber, dass Ihr Leben nur so mit Herausforderungen gespickt ist, auf die Sie gerne auch verzichten würden. Wenn dem so ist, erkläre ich Ihnen im Folgenden gerne Ihr Leben.

Ihr bisheriges Leben

  1. Sie werden geboren. Und das ist längst nicht Ihr einziges Problem, denn als ob das noch nicht schlimm genug wäre, werden Sie absolut abhängig und praktisch vollkommen hilflos in ihre Inkarnation entlassen.
  2. Deshalb ist das nackte Überleben vorerst Ihr einziges Ziel. Viel mehr als süß auszusehen und sauer zu klagen steht Ihnen als Handwerkszeug nicht zur Verfügung, um sich Ihre Grundbedürfnisse Nahrung, Aufmerksamkeit und Schutz zu erfüllen.
  3. Die folgenden Jahre verbringen Sie damit, Strategien zu entwickeln, die Ihnen die Aufmerksamkeit Ihrer Mutter sichern sollen. Die Art der Zuwendung ist dabei zweitrangig für Sie. Ihre Grundregel lautet: Jede Aufmerksamkeit ist besser als keine Aufmerksamkeit. Wenn Sie Ihrer Mutter also schon kein Lächeln entlocken können, sind Sie auch mit einem Tobsuchtsanfall zufrieden.
  4. Strategien, die sich in diesem Sinne als erfolgreich erweisen, entwickeln Sie zu Personas, auf verschiedene Situationen speziell angepasste Rollen, die zu spielen Ihnen Aufmerksamkeit garantiert. Irgendwann fangen Sie an, sich mit der Sammlung all Ihrer Personas zu identifizieren und nennen sie »Ich«. (Dieses Konstrukt wird oft als »Ego« bezeichnet.)
  5. Im Wissen um Ihre Abhängigkeit beginnen Ihre engen Bezugspersonen, Sie mit Lob und Tadel zu manipulieren, um erwünschte Personas zu fördern und unerwünschte zu unterdrücken. Für den Rest Ihres Lebens wird man dies als Hauptkontrollinstrument anzuwenden suchen, um Ihr »ordnungsgemäßes« Funktionieren sicherzustellen.
  6. Ihre gerade in der ersten Lebensphase stark eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten lassen Ihnen zunächst keine andere Wahl, als die »Beschreibung der Welt« anzunehmen, die Ihnen von Ihren Bezugspersonen angeboten wird. Interessanterweise stellt die Mehrheit der Menschen ihr derart gewonnenes Weltbild bis an ihr Lebensende höchstens in Randbereichen in Frage.
  7. Dieses Sammeln von Personas endet spätestens in Ihren frühen Erwachsenenjahren. Sie sind nun im Besitz einer beträchtlichen Anzahl von Knöpfen, von denen jeder einzelne mit einem Reaktionsmuster verknüpft ist, das zuverlässig abgespult wird, sollte jemand diesen Knopf drücken. Und es wird viel gedrückt! Dummerweise haben Sie jedoch vergessen, dass Sie den Überlebenskontext längst verlassen haben. Trotzdem fühlt es sich jedes einzelne Mal so an, als ginge es um Leben oder Tod, selbst wenn Sie nur um einen Parkplatz streiten.

Mit den Altlasten dieser Gehirnwäsche starten Sie also in Ihr Erwachsenenleben. Vielleicht haben Sie ein eher kleines oder auch ein etwas größeres Päckchen mit auf den Weg bekommen, aber eins zu tragen haben Sie auf jeden Fall. Nun stehen Ihnen grundsätzlich zwei Alternativen offen.

Ihr zukünftiges Leben – Alternative 1: Die Hölle

Die erste – und kurioserweise die häufiger gewählte – ist, dass Sie beschließen, Ihr Leben als Opfer wahrzunehmen. Sie sind unfähig, Ihre Identifikation mit den erlernten Rollen als solche zu erkennen, haften ihnen weiter an und beziehen weiter Ihr Ich-Gefühl daraus. Sie glauben vielleicht wirklich, nicht anders reagieren zu können, als der Drecksau, die Ihnen gerade den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat, eins in die Fresse zu hauen. Oder Sie sind eher ein kultivierter und gesetzestreuer Bürger mit einem Magengeschwür, das Sie sich in 20 Jahren Büroarbeit inklusive cholerischem Chef geholt haben. Obwohl Sie der Job schon seit 10 Jahren anödet, haben Sie längst resigniert und Ihren ursprünglichen Traum, nochmal zur Uni zu gehen, längst aufgegeben.

Schuld sind immer die anderen. Oder die Welt. Oder das Schicksal. Oder Gott. Oder Verpackungsingenieure. Oder Werweißwas. Sie können nicht sehen, dass Sie immer noch den gleichen Quatsch glauben, den sie noch zu Zeiten geglaubt haben, als Sie keine andere Wahl hatten, als ihn zu glauben, weil es um Ihr Überleben ging. Und so lassen Sie dieselben Folgen Ihrer persönlichen kleinen Soap immer und immer wieder ablaufen, nicht ahnend, dass Sie Hauptdarsteller und Regisseur in einer Person(a) sind. Diese Verhaftung im Ego ist es wirklich, was in vielen Religionen als die Hölle bezeichnet wird. Um in die Hölle zu kommen, müssen wir nicht erst sterben, denn sie ist für die meisten Menschen völlig real, jetzt und hier. Wenn Ihr Leben also die Hölle ist, dann haben Sie diesen Weg gewählt. Kein Wenn und Aber.

Ihr zukünftiges Leben – Alternative 2: Der Himmel

In diesem – weitaus seltener zu beobachtenden – Fall haben Sie sich dazu entschieden, sich als Wesen mit echter kreativer Kraft zu erleben. Ihre Bewusstwerdung ermöglicht Ihnen das Erkennen Ihrer Personas als solche und damit eine Enthaftung von Ihrem Ego. Seltsamerweise scheinen die meisten Menschen eine tiefe Krise zu benötigen, um aus ihrem selbstgestrickten Albtraum zu erwachen. Mal ist es eine schwere Krankheit, mal der Verlust eines geliebten Menschen, der sie zwingt, ihr erstarrtes Weltbild über den Haufen zu werfen. Oft ist, gerade in den mittleren Lebensjahren, auch eine Kernschmelze des Ego zu beobachten, die dadurch ausgelöst wird, dass immer weniger Strategien unserer Personas Wirkung zeigen und diese irgenwann in sich zusammenbrechen. In solchen Fällen wird eine Befreiung von überholten Ego-Strukturen möglich.

Wir müssen es jedoch nicht unbedingt zum totalen Zusammenbruch kommen lassen, um eine Tür zur vollkommenen Freiheit zu öffnen. Wir können Überzeugungen und Verhaltensweisen, die uns nicht mehr nützlich sind, mit ein wenig Bewusstseinsarbeit auch im Alltag Stück für Stück demontieren, sodass wir eine Weile zwischen Himmel und Hölle hin- und herwechseln, bevor wir uns für dauerhafte Glückseligkeit entscheiden. Hierzu ein kleines Beispiel:

Der Lächelkrampf

Meine Mutter erzählte mir einst, dass die Schwestern der Säuglingsstation, die mich in den ersten Tagen nach meiner Geburt beherbergte, sich gerne um mein Bettchen gruppierten, da sie von meinem Lächeln so angetan gewesen seien. Ich lernte also schon sehr früh, die wenigen Mittel, die mir zur Verfügung standen, dazu einzusetzen, um Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, dass ich in Gegenwart von Menschen, mit denen ich mich unsicher fühlte, häufig ein Lächeln aufsetzte, das teilweise geradezu in einen stundenlangen Lächelkrampf ausartete, der zu sagen schien: »Tu mir nichts, ich bin ganz harmlos!« Dass ich längst kein süßer Säugling mehr war, entzog sich bis dahin meiner Aufmerksamkeit ebenso, wie die Tatsache, dass ich es auch nicht mehr mit Säuglingsschwestern zu tun hatte.

Wie alle Personas verhinderte auch »Smiley« genau den tieferen Kontakt, den er sich eigentlich so sehnlich wünschte. Er wirkte wie eine Maske, die verhindern sollte, dass andere in mein Innerstes blicken können. Erst das Erkennen meines unbewussten Verhalten gab mir die Freiheit authentischen Ausdrucks zurück. Und wenn ich wieder mal auf eine Säuglingsschwester treffe, kann ich mein Lächeln ja wieder mal auspacken …

Das Leben ist kein Ponyhof

Ich habe mich immer wieder gefragt, ob es eine Möglichkeit gegeben hätte, mir diese Phase der Konditionierung zu ersparen, die mich, gleich dem Pawlowschen Hund, sabbernd jeder Form dramatischen Leidens hinterherhecheln ließ. Hätte ich zum Beispiel auf meine Eltern hören sollen, als sie mit Engelszungen auf mich einredeten, nicht mit 19 zu heiraten? Ich komme immer wieder zur selben Schlussfolgerung: Wer die Hölle nicht kennt, kann den Himmel nicht schätzen. Ich konnte damals nicht auf meine Eltern hören, denn auch, wenn ich es damals noch nicht wusste, waren meine Erfahrungen Not-wendig, um dort anzukommen, wo ich heute bin. Vermutlich hätte mich keine Armee von Gurus vor meinen »Fehlern« bewahren können, da mir für ihre Weisheit damals schlicht der Bezugsrahmen fehlte. Und mir wäre heute wohl die Freude verwehrt, mit Hilfe meiner Erfahrungen andere bei ihrem Bewusstwerdungsprozess unterstützen zu können.

Nichtsdestotrotz krümmen sich mir gelegentlich vor Schmerz förmlich die Eingeweide, wenn ich auf der gegenüberliegenden Seite der Leinwand sitze und andere dabei beobachte, wie sie nach selbstgeschriebenem Drehbuch scheinbar offenen Auges in ihr vermeintliches Unheil rennen. Meine ungebetene »Hilfe« führt in solchen Fällen gewöhnlich höchstens dazu, dass ich mich selbst im Film wiederfinde. Hilfe kann und wird nur jemand annehmen, der die aufrichtige Bereitschaft aufbringen kann, alles Notwendige zur Lösung seines Problems zu lernen. Dies wiederum bedingt einen Moment der Bewusstheit über die eigene Lage, ein kurzes Verlassen der Leinwand sozusagen.

Leiden ist freiwillig

Nachdem wir nun die diabolische Dynamik unseres Lebens durchschaut haben, könnte einer auf die Idee kommen, er könne – wenn schon nicht sich selbst – wenigstens seinen Kindern den Leidensweg ersparen. Doch jemand, der so denkt, ist zum Opfer seiner eigenen Hybris geworden, denn das Leben auf unserer evolutionären Stufe ist nun einmal so angelegt. Leiden gehört schlicht und einfach zum Geschäft. In dieser Beziehung sind wir alle Opfer von Opfern. Und das ist keine philosophische Behauptung, sondern pure Beobachtung. Buddha und Jesus werden Ihnen das gerne bestätigen. Unsere einzige Freiheit scheint darin zu bestehen, wie bewusst oder unbewusst wir dem Leben begegnen. Denn Leiden ist freiwillig, selbst wenn wir drinstecken und es nicht wahrhaben wollen.

Sobald du lernst, die Hölle zu lieben, wirst du im Himmel sein.
Thaddeus Golas

Widerstand ist zwecklos.

© 2011 Björn Klug

Literatur zum Thema

Byron Katie - Lieben was istByron Katie – Lieben was ist: Vollkommene Freiheit ist nur über die Disziplinierung des Geistes möglich. Byron Katie lehrt eine besonders klare und einfache Methode, unsere Gedanken und Glaubensätze zu hinterfragen. Auch sie hat erkannt: Leiden bedeutet, etwas zu glauben, das nicht mit der Realität in Einklang steht. Wenn wir nicht leiden wollen, müssen wir also unsere Gedanken hinterfragen. Wie dies mit vier simplen Fragen und einer Umkehrung geht, zeigt sie in diesem Buch, unter anderem anhand vieler anschaulicher Beispieldialoge aus ihren Seminaren. Einige davon sind übrigens als Videos auf ihrer Webseite und bei YouTube zu finden.

(Originaltitel: Loving What Is)

Jean Liedloff - Auf der Suche nach dem verlorenen GlückJean Liedloff – Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Auch wenn Sie Ihren Kindern ihre eigenen Lernerfahrungen nicht ersparen können, so können sie ihnen ihren Start ins Leben doch ein wenig erleichtern. Wenn Sie das wollen, könnte dieses Buch inspirierend für Sie sein. Meine Empfehlung: Nehmen Sie es nicht allzu wörtlich.

Im Dschungel Venezuelas trifft eine junge Amerikanerin auf die Yequana-Indianer. Fasziniert vom offenkundigen Glück dieser „Wilden“, bleibt sie insgesamt zweieinhalb Jahre bei dem Stamm und versucht, die Ursachen dieses glücklichen und harmonischen Zusammenlebens herauszufinden. Sie entdeckt dessen Wurzeln im Umgang dieser Menschen mit ihren Kindern und zeigt, wie dort noch ein bei uns längst verschüttetes Wissen um die ursprünglichen Bedürfnisse von Kleinkindern existiert, das wir erst neu zu entdecken haben.

Advertisements
Schlagwörter: , ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: