Wortwichser

Nix zu sagen

Wortwichser jemand, der sich mit maximaler sprachlicher Komplexität bei gleichzeitiger Minimierung inhaltlicher Substanz verbal ausdrückt und dabei hauptsächlich den Zweck der Selbstbefriedigung oder Selbstbeweihräucherung verfolgt

So oder ähnlich steht es in einer Enzyklopädie Ihrer Wahl. Tut es nicht? Sollte es aber. Bevor Sie jetzt denken, dass ich wieder nur auf anderen herumhacke, ich könnte diese Spezies heute nicht so gut erkennen, gehörte ich einst nicht selbst dazu – takes one to know one, wie der Schwede sagt. Wenn er Englisch spricht.

Nur ungern erinnere ich mich an die Zeiten, in denen ich es als zentralen Wert betrachtete, mich möglichst gewählt und möglichst geschwollen auszudrücken. Für eine Weile nahm ich mir damals sogar vor, täglich ein neues Fremdwort zu lernen, dessen Verwendung mich dann ein Stückchen weiter aus der Masse des Mittelmaßes heben sollte. Meine Sprache entartete streckenweise zum Selbstzweck, indes bemerkte ich nicht, wie sehr ich mich von meiner eigenen Essenz entfremdete und gleichzeitig Distanz selbst zu den Menschen aufbaute, die mir eigentlich wichtig waren.

Allerdings befand ich mich in guter, naja, eher schlechter, Gesellschaft. Schließlich gründen sich ganze Berufszweige auf das Prinzip verbaler Masturbation. Ungezählt allein die Kurzfassungen vorgegeben wissenschaftlicher Arbeiten, die ich lesen musste, mit einem Informationsgehalt gegen Null, deren einzige Botschaft zu lauten schien: »Ich wollte nur den Titel.« Und wer hat noch nicht die eine oder andere Augenbraue gehoben bei dem, was uns als Kunst-, Literatur- oder Theaterkritik verkauft wird. Böse Zungen behaupten gar, die orgasmische Erfüllung des Wortwichsers wäre der Abschluss eines Germanistikstudiums mit einer anschließenden Karriere in Marketing und Werbung.

Gar nix zu sagen

Argumentenarsch eine Spielart des Wortwichsers; bestreitet unter völliger Missachtung seiner eigenen Ansichten aus perverser Freude am Argumentieren schlichtweg alles

Recht haben wollen kann dabei zu einer tückischen Sucht werden. Staunend habe ich mich immer mal wieder auch dabei ertappt, wie ich in Gesprächen reflexartig Opposition ergriff und wild zu argumentieren begann, obwohl ich die Meinung meines Gegenübers eigentlich sogar teilte. Dumm nur, dass als einziges Ergebnis eines solchen Weitpinklerwettbewerbs am Ende nur die Uneinigkeit bleibt.

Da der Wortwichser von Natur aus feige ist, tritt er gerne in Begleitung eines engen Freundes auf. Jene Enzyklopädie, die Sie schon vorhin so erfolglos bemühten, wird auch die folgende Definition nicht zutage fördern:

Sprachschänder jemand, der Sprache bewusst oder unbewusst missbraucht, um andere Menschen im Dialog zu manipulieren, zu beeindrucken oder sein wahres Wesen bzw. seine wahren Motive zu verschleiern

Politiker. Ja, ja, ich weiß, Ihr müsst so schon genug Prügel einstecken – aber jetzt wisst Ihr wenigstens auch, warum! Integrität ist, wenn das Sprechen und das Handeln im Einklang stehen, und selbige nehmt Ihr doch alle für Euch in Anspruch, oder nicht? Sagt doch einfach mal, was Ihr wirklich meint. Und wo ich schon dabei bin, mir Feinde zu machen, an dieser Stelle auch ein munteres Hallo an meine Freunde vom NLP.

Unverbindlich

All diese kleinen und großen Kommunikationsperversionen haben eines gemeinsam: Sie sind oberflächlich, verhindern also jede Art von Tiefe in menschlichen Beziehungen. Sprache wird zum Selbstzweck und ist entkoppelt vom eigentlichen Inhalt. Das Schlimme daran ist, dass diese Formen des Scheindialogs meist unbewusst praktiziert und als solche gar nicht mehr erkannt werden, wie das mit Kollektivgewohnheiten eben so ist. Wie ich finde, sollte Sprache hingegen mehr als Werkzeug authentischen Ausdrucks zur Gestaltung von – ohnehin nicht selten herausfordernden – Beziehungen verstanden werden.

Ein bewusster Umgang mit uns selbst zieht automatisch einen bewussteren Umgang mit unserer Sprache nach sich. Erschrocken stelle ich manchmal fest, wieviele Füllwörter, Floskeln und Phrasen ich mir über die Jahre hinweg angeeignet habe, die wenig mit dem zu tun haben, was  in Wirklichkeit in mir vorgeht. In meinem Bemühen um einen klareren Ausdruck meiner Essenz stelle ich immer wieder fest, dass mich steigende Komplexität in meiner Sprache eher vom Wesentlichen entfernt. Das scheint ein Grundprinzip des Lebens zu sein: Die Wahrheit ist immer einfach, niemals kompliziert.

Es ist schön, wenn man mit Sprache umgehen kann, und noch schöner, wenn man etwas auszusagen hat. Demnächst mehr dazu.

© 2011 Björn Klug

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: