Große Flächen putzen

Oder: Die Essenz von Frau D.

Eine der Fragen, die beim Thema »Leben in der eigenen Essenz« immer wieder auftauchen, ist: »Aber wenn alle nur noch das tun, was sie wirklich wollen, wer macht dann die ganze unbeliebte Arbeit? Die muss doch auch jemand tun!« Und es fiel mir nicht immer ganz leicht, diesem schlagenden Argument etwas entgegenzusetzen. Bis ich vor einigen Jahren Frau D. kennen lernte, die mir zeigte, dass es für jede Nische den passenden Menschen gibt.

Ich gab damals ein Seminar für Langzeitarbeitslose zum Thema Orientierung und Zielfindung, und die Teilnehmer sollten gerade in Kleingruppen herausarbeiten, was sie wirklich gerne tun und frei phantasieren, wie die nächsten 5 Jahre ihres Berufslebens aussehen könnten, wenn sie die freie Wahl hätten. Wer schon Jahre vorwiegend von Hartz IV gelebt hat, befindet sich normalerweise in keinem so guten Kontakt mit seiner Essenz, und so bereitete ich mich darauf vor, meinen Schützlingen beim freien Assoziieren ein wenig unter die Arme greifen zu müssen. Jeder einzelne sollte nun seine Vision der ganzen Gruppe vorstellen, und die Reihe kam an Frau D.

Frau D. war eine hübsche und adrette Frau dunklen Typs, vielleicht in ihren Endzwanzigern, eher einfach gestrickt und das Herz eindeutig am rechten Fleck. Um sich ein wenig hinzuzuverdienen, arbeitete sie als Reinigungskraft in irgendeinem Büro. Unser nun beginnender Dialog verlief in etwa so:

»Frau D., wo sehen Sie sich denn in 5 Jahren?«

»Weiß nich‘. Ich kann mir gar nicht vorstellen, etwas anderes zu tun.«

»Haben Sie denn etwas darüber herausgefunden, was Sie in Ihrer Freizeit wirklich gerne tun?«

»Naja, ich schau viel Fernsehen.«

Die Top 3 der Freizeitbeschäftigungen bei dieser Klientel sind üblicherweise Fernsehen, Playstation und Internet, und so ist es oft schwer, die wahren Begabungen zu identifizieren, wenn ansonsten keine Aktivitäten gepflegt werden. Also fragte ich weiter:

»OK, was machen Sie denn als Erstes, wenn Sie nach der Arbeit nach Hause kommen?«

»Die Wohnung putzen. Bei mir muss es immer super sauber sein.«

»Und wenn Sie damit fertig sind?«

»Dann putze ich die Fenster. Irgendetwas gibt es immer zu putzen.«

Ich war nun sicher, jemanden mit einer ausgeprägten Zwangsstörung vor mir zu haben und versuchte es daher auf einer anderen Schiene:

»Gut, stellen Sie sich nun einmal Ihren Traumjob vor. Mal angenommen, Sie würden die perfekte Firma mit dem perfekten Chef finden, der Ihnen alle Aufstiegsmöglichkeiten bietet, die Sie sich wünschen. Wo wären Sie dann in 5 Jahren?«

Ich erwartete nun so etwas wie Gruppenleiterin oder Objektleiterin, denn wer will denn nicht gerne andere herumscheuchen und dabei weniger von der lästigen Arbeit machen? Es war unvorstellbar für mich, dass jemand sein Leben mit Putzen verbringen möchte. Doch weit gefehlt:

»Ich würde gerne mal in sowas wie einem Krankenhaus arbeiten, wegen der großen Räume. Große Flächen putzen macht mir nämlich wirklich Spaß.«

Ihr Leuchten in den Augen, als sie das sagte, machte mir klar, dass sie zumindest eine ihrer Begabungen schon längst kannte und auch lebte. Damals lernte ich, dass es für jede Arbeit den passenden Arbeiter gibt.

© 2011 Björn Klug

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