Essenz – unser wahres Wesen

Wer wir wirklich sind

Wenn Sie meine Artikel regelmäßig verfolgen, wird Ihnen sicherlich auffallen, dass das Wort Essenz sehr häufig darin auftaucht. Vielleicht ist es sogar das von mir am liebsten verwendete Wort in der Arbeit mit meinen Klienten, und nicht umsonst habe ich die Essenz zum Kern der Essential Times gekürt. Daher möchte ich heute ein paar Sätze darüber verlieren, was ich darunter verstehe und warum ich es für so wichtig halte, mit unserer Essenz auf Du und Du zu stehen.

Sein statt Haben & Tun

»Essenz (von lat. esse=sein) bezeichnet das Wesen einer Sache« ist so oder ähnlich im Lexikon zu lesen. Damit ist eigentlich alles schon gesagt – es geht um unser wahres Wesen oder das, was wir wirklich sind. Doch wer weiß schon, wer er wirklich ist? Um ein wenig mehr Klarheit in die Angelegenheit zu bringen, können wir Sein als Kontrast zu Haben verstehen. In diesem Sinne stellt meine Essenz eine Menge von Eigenschaften derart dar, dass, wenn man mir auch nur eine davon nehmen würde, ich nicht mehr wäre, wer ich wirklich bin. Darüber hinaus habe ich mir im Laufe meines Lebens eine Reihe nicht-essentieller Eigenschaften angeeignet. So würde es mein Wesen nicht berühren, wenn man mir meinen akademischen Grad wegnähme, hingegen wäre ich sicherlich nicht mehr derselbe, wenn mir mein Humor genommen würde. Zum weiteren Verständnis können wir Sein auch im Kontrast zu Tun sehen und unterscheiden zwischen einem Handeln, das unserer Essenz entspringt und natürlich, leicht und mühelos ist, und einem angestrengten Tun, das von den niederen Motiven unseres Ego gesteuert ist.

»Soso,« mögen Sie denken, »Philosophen zerbrechen sich seit über zwei Jahrtausenden die Köpfe über die Geheimnisse des Menschseins, und dieser Typ hier will das in ein paar Artikeln abzufrühstücken?« Au contraire! Vielmehr bin ich zuversichtlich, dass der Berufsstand der Philosophen auch nach weiteren zweitausend Jahren nicht von der Arbeitslosigkeit bedroht sein wird.  (Nur mal so nebenbei, Jungs: Die Antwort lautet: 42). Mir geht es mehr darum, Menschen dabei zu unterstützen, ihrer ganz persönlichen Wahrheit näher zu kommen, als das Wesen menschlicher Existenz im Allgemeinen zu klären.

Erkenne dein Selbst

Dieser Prozess wird gerne auch als Selbstverwirklichung bezeichnet, ein etwas irreführender Begriff, da er unterstellt, wir müssten unserem Selbst erst zu einer Realität verhelfen. Das Selbst ist aber letztlich nur ein anderes Wort für Essenz, und die ist ja immer schon dagewesen – nur eben häufig verdeckt. Meine Vermutung ist, dass Selbstverwirklichung eine unglückliche Übersetzung des englischen self-realization ist, ein unter anderem im indischen Advaita Vedanta zentraler Begriff, der den Westen hauptsächlich über englischsprachige Quellen erreicht hat und etwas treffender mit Selbsterkenntnis übersetzt werden kann.

Neben dem Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Beziehung ist der Drang nach Selbsterkenntnis die stärkste Triebfeder menschlicher Ent-Wicklung. Bewusst oder unbewusst stellen wir uns alle die Frage, wie wir kreativ in dieser Welt wirksam werden und sie mitgestalten können. Das Verlangen nach der Entdeckung seiner Einzigartigkeit ist in jedem Menschen tief verwurzelt. Statt jedoch unserer Essenz »einfach« Ausdruck zu verleihen, verbringen wir seltsamerweise gerade den ersten Teil unseres Lebens damit, sie erst einmal mit Identifikationen zu verschleiern – unter dem Einfluss unserer Eltern und anderer Menschen, die wir als Lehrer und Leitbilder akzeptieren.

Die Gier nach dem Besonderssein

So studiert jemand vielleicht (nur) seiner Familie zuliebe Jura, weil das schon seit Generationen so üblich ist, und weil die renommierte Anwaltskanzlei in der Familie bleiben soll. Sein Herz schlägt aber in Wirklichkeit für die Bearbeitung von Holz und der Herstellung besonders bequemer Sitzgelegenheiten. Auf diese Weise hat er seine Essenz mit der Identifikation des erfolgreichen und seiner Familie gegenüber loyalen Juristen überdeckt.

Unsere Suche nach Identität pervertiert häufig zu einem Hunger nach Identifikation, und das Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein, treibt zuweilen seltsame Blüten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, in meiner Jugend einen beträchtlichen Teil meines Ich-Gefühls aus dem Tragen von Netzshirts und dreigestreiften Sportschuhen bezogen zu haben – heute sind es eher Tattoos, Piercings oder Hosen mit Reservoir für Pampers XXL.

Der Lohn der Ent-Deckung

Die Kunst bewussten Lebens besteht darin, aus dem verwässerten Gemisch wahrer Begabungen und erlernter Rollen (Personas) unsere Essenz wieder herauszudestillieren. Um Überzeugungen, die uns nicht mehr dienlich sind, wie bei einer Zwiebel Schicht für Schicht wieder abzuschälen, müssen wir zunächst lernen, unsere persönliche Wahrheit zu erkennen und von Konzepten, Moralvorstellungen und Forderungen anderer zu unterscheiden. Im Beispiel unseres Anwalts bestünde seine Herausforderung darin – sofern er ein erfüllenderes Leben führen möchte – seine Rolle abzulegen und Wege zu finden, wie er seiner wahren Begabung Ausdruck verschaffen kann.

Wie den meisten fiel es auch mir zunächst recht schwer, die ersten Teile meiner Essenz zu ent-decken, doch mit der Zeit wurde es immer leichter. Obwohl ich oft nicht einmal genau wusste, wo und nach was ich suchen sollte, stand mir doch eine Art Kompass zur Verfügung: Essenz ist leicht zu erkennen, wenn sie sich uns zeigt. Anfangs strahlt sie wie ein einzelner Sonnenstrahl durch einen wolkenverhangenen Himmel, bis sie sich nach und nach dauerhaft einen Weg durch die Wolkendecke bahnt und diese letztendlich ganz verdrängt. Handlungen, die unserer Essenz entspringen, haben eine besondere Qualität. Sie geschehen mit Leichtigkeit, die Zeit scheint zu verfliegen, es sieht aus, als könnten wir es unaufhörlich tun und wir fühlen uns danach energetisiert. Echte Kreativität ist immer von Essenz inspiriert. Ich finde, derart kreative Phasen sollten nicht die Ausnahme, sondern die Regel sein.

Machen Sie doch Ihrem Destillationsapparat auch mal Feuer unterm ♠ρ∫©η und brennen ein bisschen »Spirit«.

© 2011 Björn Klug

Literatur zum Thema

Nisargadatta Maharaj - Ich bin, Teil 1 Nisargadatta Maharaj - Ich bin, Teil 2 Nisargadatta Maharaj - Ich bin, Teil 3Nisargadatta Maharaj – Ich bin, Teil 1
Nisargadatta Maharaj – Ich bin, Teil 2
Nisargadatta Maharaj – Ich bin, Teil 3

 

 

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