Mitleid oder Mitgefühl?

Des Dalai Lama liebstes Kind

Beim Lesen von aus dem Englischen übersetzten Texten stolpere ich immer wieder über die Verwendung des Wortes »Mitleid«, wo »Mitgefühl« im Kontext viel besser passen würde. Meist stellt sich heraus, dass es sich um eine Fehlübersetzung des englischen compassion handelt, da der Übersetzer offenbar mit der Materie nicht hinreichend vertraut war. Allerdings trifft ihn nicht die ganze Schuld, denn seinem Wortstamm nach (lat. passio = Leiden) stellt Mit-Leid auf den ersten Blick tatsächlich eine formal korrekte Übersetzung dar.

Hinzu kommt, dass die englischen Begriffe pity und compassion im Umgangsenglisch ähnlich synonym verwendet werden wie Mitleid und Mitgefühl im alltäglichen Gebrauch bei uns, womit uns das Verständnis dessen, was uns der Dalai Lama so unermüdlich zu erklären sucht, nicht gerade leichter gemacht wird. Daher lohnt sich – gerade im Deutschen – eine Differenzierung, denn anders als im Englischen weisen die beiden Worte auf unterschiedliche Grundhaltungen im Umgang mit dem Leiden anderer Menschen hin.

Mitleid trennt

Mitleid ist das treffende Wort für das Phänomen, wenn sich jemand das Leid eines anderen zu eigen macht und mit ihm zusammen leidet. Es gilt weithin sogar als moralisch erstrebenswert, auf diese Weise seinen Mitmenschen eine Art »emotionaler Loyalität« entgegenzubringen. Das Problem dabei: Nun haben wir zwei Opfer statt eines, beide eingeschränkt in ihrer Freiheit zu handeln und die Situation zum Besseren zu wenden. So entstehen Gemeinschaften, die ich Opferclubs nenne.

Ein anderes Bild zur Illustration von Mitleid ist jemand, der einem andern jovial den Kopf tätschelt, sich innerlich über ihn stellt und insgeheim denkt: »Gott sei Dank bin ich nicht in dieser Lage. Hoffentlich kann ich bald hier weg.« Alle Formen von Mitleid in diesem Sinne haben eins gemeinsam: Sie stellen Drama dar, bilden Verstrickungen und erschweren die Übernahme echter Verantwortung. Gehandelt wird dann gewöhnlich aus dem Impuls heraus, dass das eigene Leiden endlich aufhören möge und nicht aufgrund eines authentischen Bedürfnisses – das Mitleid wird zum Selbstmitleid. Auf den ersten Blick Gemeinsamkeit erzeugend, trennt uns Mitleid in Wirklichkeit vom anderen. Man könnte es auch als die dunkle Seite, die Perversion des Mitgefühls bezeichnen.

Mitgefühl eint

© 2011 Björn Klug

Mitgefühl hingegen scheint mir das passendere Wort für die Grundhaltung zu sein, die unter anderem für den Buddhisten eine so zentrale Bedeutung hat. Es bedeutet das (Wieder-)Erkennen des Leidens im anderen, ist dabei aber vom Leiden enthaftet und ermächtigt überhaupt erst zur Übernahme echter Verantwortung. Beispielsweise ist Mitgefühl frei von der Überheblichkeit, das Leiden des anderen zu bewerten und darüber zu entscheiden, ob demjenigen geholfen werden muss. Ebenso ist es keinesfalls selbstverständlich, dass derjenige überhaupt Hilfe will – nur zu oft beobachte ich, dass echte Hilfe gar nicht erwünscht ist, sondern nur ein neues Mitglied für den Opferclub.

Mitgefühl bedeutet die volle Akzeptanz des anderen im Wiedererkennen der eigenen Egostrukturen, von denen wir uns bereits befreit haben. Es bedingt innere Freiheit. Es kann das Leiden des anderen erfühlen und Verständnis dafür aufbringen, ohne Teil dieses Leidens zu werden. Damit versetzt es uns in die Lage, ein viel besserer und kraftvollerer Helfer zu sein, als wenn wir mitleiden würden. Handlung ist dann von Liebe und nicht mehr von Angst motiviert.

Im Alltag

Wir müssen keine Buddhisten werden, um Mitgefühl in unser alltägliches Leben zu bringen. Wenn ich jemanden (scheinbar) leiden sehe, kann ich mich zum Beispiel erst einmal fragen: Ist Hilfe wirklich erforderlich, oder versuche ich gerade nur, jemandem meine persönliche Moral überzustülpen? Möchte derjenige überhaupt Hilfe? Möchte er mich vielleicht nur in sein Drama verstricken? Welcher authentische Handlungsimpuls taucht in mir auf, frei von Ängsten, wie etwa dem Drang einer gesellschaftlichen Moralvorstellung genügen zu müssen?

Noch ein paar Worte

An diesem Beispiel mag klar werden, dass aus anderen Sprachen übersetzte Texte mit Achtsamkeit gelesen werden sollten. Im Zweifelsfall ist natürlich immer das Original vorzuziehen. Gerade bei Begriffen, die sich kaum eindeutig definieren lassen, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Auf Anhieb fallen mir da noch ein:

  • mind: Geist, Verstand, aber auch: Seele, Psyche
  • spirit: Geist, Seele, aber auch: Gespenst, Temperament
  • soul: Seele
  • consciousness: Bewusstsein, Bewusstheit
  • awareness: Gewahrsein, Bewusstheit, Bewusstsein, aber auch: Erkenntnis
  • perception: Empfindung, Wahrnehmung, aber auch: Erkenntnis
  • cognition: Erkenntnis, Wahrnehmung
  • … usw.

© 2011 Björn Klug

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