Zen bringt nix

Der Nutzen der Meditation

Vom Zen-Buddhismus hat fast jeder zumindest schon einmal gehört, und auch, dass die Meditation ein zentraler Bestandteil jedes spirituellen Weges ist. Was sich aber eigentlich dahinter verbirgt, wissen schon weniger. Auf Nachfrage würden Sie feststellen, dass die meisten Insider beim Erklären ganz schön ins Schleudern kommen, und Sie eher verwirrter zurücklassen als vorher. Zum einen liegt das daran, dass sich Meditation mit Worten gar nicht beschreiben lässt, zum anderen lautet die ungeschminkte Wahrheit schlicht: Meditation bringt nichts!

Etwas treffender könnte man sagen: Meditation bringt das Nichts! Aber auch diese – wie jede andere Version – wäre eine Lüge, da sich, wie schon gesagt, die Meditation einer verbalen Definition entzieht. Schon das 2500 Jahre alte Tao Te King, manchmal als das weiseste Buch der Welt bezeichnet, beginnt mit den Zeilen:

Das Tao, das mitgeteilt werden kann,
ist nicht das ewige Tao.
Der Name, der genannt werden kann,
ist nicht der ewige Name.

Oder anders gesagt: Wenn du es in Worten ausdrücken kannst, dann ist es das nicht. Lao-Tse weist uns hier auf ein fundamentales Paradoxon spirituellen Wachstums hin: Wenn wir unser wahres Wesen, unsere Essenz (das Tao) ergründen wollen, ist das nicht mit den Mitteln der Sprache oder intellektuellen Verstehens möglich. Was den guten Mann – glücklicherweise – trotzdem nicht abhielt, sich noch weitere 80 Verse lang darüber auszulassen. Jene Erfahrung unserer Essenz wird als auch Meditation bezeichnet, und so lässt sich diese folgerichtig ebenso nur durch Erfahrung und nicht über den Verstand »verstehen«.

Doch wie können wir etwas verstehen, das man nicht erklären kann? Nun, wenn wir’s schon nicht beschreiben können, können wir es zumindest umschreiben. Und wir können auch sagen, was es nicht ist – Definition durch Negation sozusagen.

Die Technik muss am Ende gehen

Meditation ist zum Beispiel keine Technik. Allerdings werden die Begriffe Meditation und Meditationstechnik gerne synonym verwendet, was jedoch irreführend ist, da die Technik nur die Krücke auf dem Weg zur Erfahrung sein kann. Sie dient lediglich der Disziplinierung des Geistes, um den Lärm des sonst nicht abreißenden Stroms der Gedanken zu mildern und eine Enthaftung von Gedanken zu ermöglichen. Eine Technik ist zwar für die meisten Menschen hilfreich, aber durchaus nicht zwingend notwendig. Es lohnt sich, verschiedene Methoden auszuprobieren, um eine den eigenen Neigungen entsprechende Technik zu finden und sich dann auf diese zu beschränken. Mit steigender Bewusstheit verliert die Technik ihren Zweck und muss losgelassen werden, da sie sonst zu einem neuen Hindernis werden kann.

Meditation ist erst recht keine Entspannungstechnik, obwohl sie durchaus entspannend wirken kann. Wenn Sie sich nur entspannen wollen, lernen Sie besser autogenes Training, progressive Muskelrelaxation oder lassen sich eine gute Massage geben. In der Meditation setzen Sie sich durch Arbeit mit Ihrem Bewusstsein mit Ihren schlimmsten Dämonen auseinander, und das kann bisweilen recht unentspannt sein.

Meditation eröffnet einen Raum gesteigerten Gewahrseins, in dem mehr und mehr gleichzeitig wahrgenommen werden kann. Daher ist sie keine Konzentrationsübung, die eine Fokussierung auf einen Punkt impliziert. Ebenso ist Meditation auch kein Weg zu Rauschzuständen oder Formen von Ekstase, wie sie von Drogen verursacht werden. Interessanterweise ist zum Meditieren auch keine Ruhe erforderlich. Wenn auch, gerade zu Anfang, Ruhe und Entspannung hilfreich sind, um in einen meditativen Zustand zu kommen, ist innere Stille nicht von äußerer Stille abhängig. Prinzipiell spricht also nichts dagegen, auf einer Großbaustelle oder während eines Rammstein-Konzerts zu meditieren.

Ein weit verbreitetes Missverständnis mit viel Frustrationspotential für den Anfänger ist, dass es beim Meditieren darum ginge, das Denken loszuwerden oder abzuschalten. Rosa Elefant, sage ich nur. Widerstand ist zwecklos! Macht aber nichts, denn die Gedanken sind gar nicht das Problem, sondern nur unsere Anhaftung daran.

Die Umschreibung des Unbeschreiblichen

Aber was ist denn nun eigentlich Meditation?

Meditation ist der Wechsel vom zielgerichteten Tun zum Sein. Sie ist das Nicht-Anhaften des Geistes an Gedanken, Formen und Konzepte, also die Freiheit von Inhalt, Bedeutung und Bewertungen. Sie ist Nicht-Wissen. Meditation ist die Auflösung der Zeit in Raum, was auch Präsenz genannt wird. Sie ist die Aufgabe jeden Widerstandes, die volle Akzeptanz allen, was ist. In der Meditation ist sich das Bewusstsein seiner selbst gewahr. Sie bedeutet das Loslassen aller Erwartungen.

Falls Sie gerade versuchen, das Geschriebene durch die Verarbeitungsmaschinerie Ihres Intellekts zu schleusen, werden die Worte höchstwahrscheinlich wertlos für Sie sein. Ebenso, wenn Sie nach Gründen suchen, warum das alles esoterischer Quatsch ist. Alternativ könnten Sie ein wenig zwischen den Zeilen lesen oder über die Worte meditieren. Ein weiser Mann, dessen Name mir entfallen ist, hat einmal gesagt: »Der einzige Fehler, den man beim Meditieren machen kann, ist es nicht zu tun.«

Verwirrt? Gut.

Das Nichts ent-decken

Als ich damals mit meiner Meditationspraxis begann, hatte ich jede Menge Erwartungen und Hoffnungen auf neue Bewusstseinswelten, die sich mir eröffnen sollten. Die meisten wurden enttäuscht – stattdessen fügte die Meditation meinem Leben aus ganz unerwarteter Richtung eine neue Dimension hinzu. Ihren einzigen wirklichen Wert sehe ich heute darin, dass sie mich zu einem freieren Menschen macht, indem ich zunehmend fähiger werde, im alltäglichen Leben Konzepte, die mir nicht mehr dienlich sind und mich einengen, gehen zu lassen. Die Meditationspraxis ist das Training meines Freiheitsmuskels. Und ganz nebenbei bin ich präsenter, gelassener, entspannter und gesünder geworden. Aber das ist nicht das Ziel.

Wie schon erwähnt, ist Meditation die Entdeckung unserer Essenz (lat. esse = sein), also dessen, was wir wirklich sind. Die gute Nachricht: unsere Essenz ist und war schon immer bei uns. Wir haben sie lediglich mit einem Riesenhaufen falscher Konzepte über uns selbst zugedeckt. Daher müssen wir sie nicht finden, sondern nur den ganzen Abfall wegräumen, um sie wieder zu ent-decken. Die großen Weisen berichten uns, dass in allerletzter Konsequenz dann nur noch (das) Nichts bleibt.

Meditation ist nichts von dem, was wir von ihr erwarten.

Bringt also nix.

© 2011 Björn Klug

Literatur zum Thema

Osho - Das Orangene BuchOsho – Das Orangene Buch: Zu meiner Jugendzeit war Osho noch als Bhagwan Shree Rajneesh bekannt, und mir wurde damals gesagt, dass er Führer einer gefährlichen Sekte sei, von der ich mich fernhalten solle. Heute denke ich manchmal: Schade, dass ich drauf gehört habe. Osho hat die Weisheit mystischer Traditionen des Ostens einem breiten westlichen Publikum nahe gebracht und so einen unschätzbaren Beitrag zu spirituellen Revolution bei uns geleistet. Dabei schien er es zu genießen, durch Provokationen zu polarisieren. Scheinbar eklektisch hat er sich bei anderen Lehren bedient und deren Techniken neu zusammengestellt, um sie den speziellen Bedürnissen westlicher Suchender anzupassen. Das Orangene Buch ist eine Zusammenstellung zahlreicher Meditationstechniken, die Osho lehrte, sowohl traditionelle wie auch von ihm selbst entwickelte, darunter seine bekannten aktiven Meditationen, wie die Kundalini-Meditation und die dynamische Meditation. Meine Empfehlung: Ausprobieren und dann bei zwei oder drei Techniken bleiben und diese eine Zeit lang durchziehen.

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