Moderne Nahrungssuche

Verpackungsingenieure sind die ersten, die an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt

So ist es in der Encyclopaedia Galactica zu lesen. Na gut, nicht ganz, denn dort ist eigentlich von der Marketing-Abteilung der Sirius Cybernetics Corporation die Rede, aber ich bin sicher, die hängen mit drin. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass unsere Nahrungssuche seit der Steinzeit eher komplizierter denn einfacher geworden ist? Gegenüber dem Kampf mit modernen Verpackungen wirkt das Erledigen eines Mammuts wie ein Kinderspiel. Ohne Spezialwerkzeug und zusätzliche Intelligenz droht uns nämlich der Hungertod.

Alles begann, als die gute alte Flasche vom Tetrapak abgelöst wurde. Nun brauchte es eine Schere, um sich den Inhalt zugänglich zu machen und eine besondere Ausgieß-Technik, um die Flüssigkeit auch vollständig ins Glas zu bekommen. Es muss Beschwerden gegeben haben, denn nur Jahrzehnte später fand sich eine feine Perforation, eine Sollbruchstelle, an einer der Laschen, die uns suggerieren sollte, dass wir die Tüte auch mit bloßen Händen öffnen könnten. Erinnern Sie sich noch, wie gut das funktioniert hat? Wenn meine Finger kräftig genug waren, die Lasche abzureißen, so verlief der Riss in den meisten Fällen erstens nicht entlang der Perforation und zweitens musste ich höllisch aufpassen, dass mir nicht beim Öffnen unkontrolliert Flüssigkeit herausquoll.

Und so gab es wohl auch diesmal Beschwerden. In der Folge finden wir heute diese unglaublich praktischen Schraubverschlüsse aus Kunststoff auf der Oberseite unserer Getränketüten. Toller Gedanke – miserable Umsetzung. Sofern ich es schaffe, die Aluminiumlasche zu entfernen, ohne dass sie zuvor abreißt, ist es aufgrund der viel zu kleinen und ungünstig geformten Öffnung fast unmöglich, die Milch in den Kaffee zu bekommen, ohne dass etwas daneben geht.

Ganz toll auch die verschweißten Verpackungen mit einer kleinen Lasche, die die Hoffnung weckt, man könne die obere Folie einfach abziehen, dann aber entweder einfach abreißt oder sich störrisch jeder Gewalteinwirkung widersetzt. Und so stehe ich immer wieder fassungslos vor Verpackungen, die entweder zum Öffnen einen so großen Kraftaufwand benötigen, dass sogar ich als 90kg-Hüne Probleme bekomme, oder ein hohes Verletzungsrisiko bergen oder darin enden, dass der Inhalt dort landet, wo man ihn nicht haben will oder, oder, oder …

Als Angehöriger des Berufsstandes der Ingenieure frage ich mich automatisch, wie es dazu kommen konnte. Liebe Kollegen: Testet Ihr eigentlich das Zeug, das Ihr da produziert? Habt Ihr das selber mal benutzt? Also, ich würde mich schämen, so etwas zur Auslieferung zu bringen.

Korrupt oder inkompetent?

Ich kann mir eigentlich nur zwei mögliche Ursachen für dieses Phänomen vorstellen:

  1. Der durchschnittliche Verpackungsingenieur bringt’s einfach nicht. Diese Annahme erscheint mir allerdings ein wenig zynisch, denn es gibt ja durchaus sehr pfiffige Verpackungen, nur leider sind diese in der Unterzahl.
  2. Der durchschnittliche Verpackungsingenieur prostituiert sich, was mir wahrscheinlicher erscheint. Und hier kommen die Marketingleute wieder ins Spiel.

An dieser Stelle ist ein wenig Hintergrundwissen zur Entstehung neuer Produkte angebracht. »Form follows function« (Die Form folgt der Funktion) ist ein maßgeblicher Leitsatz des Designs. Ein beträchtlicher Anteil der Ausbildung eines Marketing-Managers besteht darin, diesen Leitsatz so oft und so heftig wie möglich mit Füßen zu treten. Obwohl evolutionsgeschichtlich jünger, hat es das Marketing geschafft, sich in der wirtschaftlichen Nahrungskette vor der Produktentwicklung einzuordnen. Die Hintergründe hierfür sind bis heute ungeklärt. Aus dieser Position heraus zwingt es nun Ingenieure und Designer mit Geld, Produkte unter Umkehrung des genannten Leitsatzes zu entwickeln und herzustellen. Wenn das Marketing also z. B. entscheidet, dass der neue Familienvan mit drei Rädern hipper aussieht als mit vier, dann wird das so gemacht, auch wenn Linksabbiegen mit diesem Fahrzeug nicht mehr zum Lieferumfang gehört.

Und was soll jetzt daran essentiell sein?

Nicht ganz zu Unrecht könnten Sie jetzt fragen, was dieser etwas überzogene und von niederen Emotionen durchwobene Text mit den anderen Beiträgen der Essential Times gemein hat. Nun, es ist kaum zu übersehen, dass die Form vieler Produkte unseres Alltags von ihrer Funktion entfremdet ist. Für mich ist das Indiz für etwas, das ich uninspirierte Kreativität nennen würde. Da haben Menschen vergessen, dass sie für andere Menschen arbeiten.

So. Das musste mal ‚raus.

Also, liebe Verpackungsingenieure: Die Revolution kommt bestimmt! 8)

Hier noch das komplette Originalzitat aus Per Anhalter durch die Galaxis von Douglas Adams:

Die  Encyclopaedia Galactica  definiert einen Roboter als eine technische Vorrichtung, die dazu dient, dem Menschen die Arbeit abzunehmen. Die Marketing-Abteilung der Sirius Cybernetics Corporation definiert einen Roboter als »deinen Kunststoff-Freund für die schönen Stunden des Lebens«.

Der Reiseführer Per Anhalter durch die Galaxis definiert die Marketing-Abteilung der Sirius Cybernetics Corporation als »ein Rudel hirnloser Irrer, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt«, nebst einer Fußnote, in der die Redaktion jede Bewerbung um den Posten eines Korrespondenten in Roboterfragen außerordentlich willkommen heißt.

© 2011 Björn Klug

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