Konsensrealität

Was du hörst, kann nie sein, was ich sage

In meiner Kommunikation – vor allem mit Menschen, die mir wichtig sind – bemühe ich mich stets, mir das Folgende vor Augen zu halten:

Ich kann niemals davon ausgehen, dass mein Gegenüber das hört, was ich zu sagen versuche.

Den größeren Teil meines bisherigen Lebens habe ich stillschweigend vorausgesetzt, dass andere Menschen mich wirklich verstehen können, und bis vor wenigen Jahren wäre ich nie auf die Idee gekommen, diese Annahme in Frage zu stellen. Ich war fest davon überzeugt, dass ich mich nur präzise genug ausdrücken muss, dann würden mich die anderen schon verstehen – mit einem Minimum an gutem Willen jedenfalls. Weit gefehlt!

Jeder kreiert sich sein eigenes Universum

Der Denkfehler dabei ist die Annahme, dass wir eine gemeinsame objektive Realität teilen. Tatsache ist jedoch, dass sich jeder von uns sein ganz eigenes Universum erschafft. Das hat schlicht damit zu tun, dass wir eine höchst begrenzte sensorische Verarbeitungskapazität haben. Aus der riesigen Informationsflut, der wir ausgesetzt sind, selektieren wir nur einen winzigen Teil, aus dem wir uns dann unsere eigene kleine Welt basteln. Aus offensichtlichen Gründen kann es auf der Welt keine zwei Menschen geben, die die Welt mit gleichen Augen sehen.

Natürlich überschneiden sich unsere Universen aufgrund von Vereinbarungen und Regeln, auf die wir uns geeinigt haben. Wir sind uns zum Beispiel einig darüber, dass 1+1=2 ist, dass wir atmen, dass wir der Schwerkraft unterworfen sind usw. Das nenne ich die Konsensrealität.

Jeder hat seine eigene Sprache

Die Probleme fangen an, wenn wir versuchen, über unsere Realität zu sprechen, denn die Sprache ist von ihrem Wesen her launisch und unberechenbar. Während unseres Spracherwerbs assoziieren wir Dinge mit Worten, und es liegt auf der Hand, dass diese Assoziationen so individuell sind wie die Menschen, die sie bilden. Stein, Baum, Katze, Dreieck, Geld – bei solchen Dingen fällt es uns noch relativ leicht, uns auf eine gemeinsame Definition zu einigen. Musik, Farbe, Geschmack, Duft – jetzt wird’s schon schwieriger. Und wenn Sie 100 Menschen befragen, wie sie Kunst, Schönheit, Respekt, Gefühl oder Liebe beschreiben würden, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie pro Begriff auch mal mehr als 100 Definitionen erhalten.

Das Problem mit Sprache in zwischenmenschlichen Beziehungen ist also, dass sie zur Beschreibung von Dingen, die für Beziehungen wesentlich sind, nur sehr begrenzt geeignet ist. Wenn Gefühle und Emotionen ins Spiel kommen, wird eine Konsensrealität immer unwahrscheinlicher und damit auch eine Verständigung auf inhaltlicher und verbaler Ebene.

Und wir verstehen uns doch!

Sollte das für Sie jetzt ein wenig zynisch oder frustrierend klingen, kann ich Sie beruhigen, denn das Problem ist in Wirklichkeit gar keins. Der Trick ist, eine inhaltliche Einigung gar nicht erst zu erwarten. Statt uns darauf zu fixieren, gleicher Meinung zu sein, öffnen wir uns der Vielfalt. Der Physiker David Bohm (ein Freund von Jiddu Krishnamurti), hat dies den Dialog mit dem Ziel thematischer Divergenz genannt – für mich ein Synonym für Co-Kreativität.

Nun wird der Weg frei für eine ganz andere Ebene des Verstehens, die jenseits der überlieferten Information liegt. Diese Ebene kennt jeder, doch nur wenige nehmen sie bewusst wahr. Ich kann sie am ehesten umschreiben als intuitives Wissen, dass man vom Gleichen spricht, selbst wenn beide um Worte ringen und vielleicht hilflos umherstammeln. Sie ist gekennzeichnet von einer subtilen Freude über ein Gleichschwingen und Resonanz. Diese Ebene können wir uns z. B. über bewusstes Zuhören erschließen.

Vom Inhalt zum Kontext

Eine der häufigsten Beschwerden in Paarbeziehungen lautet wohl »Du verstehst mich einfach nicht!« Solange wir an der Vorstellung anhaften, der andere müsse uns verstehen, machen wir uns unfrei. Lassen wir die Erwartung einer Konsensrealität dort los, wo sie nicht vorhanden ist, sind wir frei, und alles wird ganz einfach. Diese Freiheit wird nur dann möglich, wenn wir vom Inhalt zum Kontext wechseln, vom Was? zum Wie? – das ist wie das Lesen zwischen den Zeilen oder das Wechseln der Aufmerksamkeit von den Buchstaben auf das weiße Papier. Die Information wird sekundär, und die Beziehung tritt in den Vordergrund.

© 2011 Björn Klug

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