Hör doch mal zu!

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold – Zuhören unbezahlbar

Mal Hand auf’s Herz: Wann haben Sie das letzte Mal bewusst zugehört? Und ich meine damit nicht, einfach nur den Mund zu halten, sondern sich mit aufrichtiger Neugier dafür zu interessieren, was Ihnen jemand erzählt. Meine Beobachtung ist jedenfalls, dass echtes Zuhören eine seltene Kunst zu sein scheint. Stattdessen wird der so genannte Meinungsaustausch gepflegt, was in der Regel bedeutet, dass nach dem Gespräch beide Partner mit ihren Meinungen wieder nach Hause gehen, ohne dass sich an selbigen irgend etwas verändert hätte. Der Preis, den wir dafür bezahlen: echte Beziehungen können so nicht zustande kommen. Authentische Beziehungen bedürfen bewusster Kommunikation, deren erste Voraussetzung die Fähigkeit zum Zuhören und nicht etwa die Fähigkeit zum präzisen und prägnanten Ausdruck ist. Bewusstes Zuhören in diesem Sinne findet auf 3 Ebenen statt:

  1. Inhalt – das korrekte Erfassen der übermittelten Information
  2. Empathie – das Hören der in den Worten mitschwingenden Gefühle
  3. Gemeinsame Kreativität – Hören, was der Sprecher wirklich will

Schon auf der ersten Ebene stellt es für die meisten erfahrungsgemäß eine schier unlösbare Aufgabe dar, den Inhalt des in einer Minute gesprochenen Textes sinngemäß wiederzugeben. Da wundert es nicht, dass sich in Kommunikation selten jemand für die Gefühle und Bedürfnisse eines anderen interessiert. Das Seltsame ist, dass Menschen es lieben, wenn man ihnen wirklich zuhört, und weil das kaum jemand tut, versuchen sie den anderen unbewusst zum Zuhören zu zwingen, indem sie ihm ihre Information mit Gewalt aufdrängen. Ich wette, dass »Nie hörst du mir zu!« in den Top 5 der häufigsten Beschwerden in Paarbeziehungen steht.

Zuhörfilter

Warum hören wir eigentlich nicht mehr richtig zu? Ein Hauptgrund sind die Zuhörfilter unserer Personas. Noch bevor uns die Worte unseres Gesprächspartners wirklich erreichen, sind wir schon bemüht zu helfen und das Problem zu lösen, oder wir fangen an, das Gesagte zu kritisieren und wollen Recht haben, oder wir beginnen ein Wettrennen um die Opferrolle und wollen den anderen davon überzeugen, dass wir ja noch schlechter dran sind als er. Was wir dabei gar nicht bemerken, ist, dass wir uns vom anderen isolieren, was im Extremfall dazu führt, dass es von außen betrachtet zwar wie ein Gespräch aussieht, sich in Wirklichkeit aber zwei Menschen gegenüber sitzen, die autistisch nur mit ihren eigenen Interessen beschäftigt sind.

Jemand, der bewusst zuhört, sagt beispielsweise »Erzähl mir mehr!« statt »Moment mal, das stimmt so nicht …« oder »Das hört sich an, als wärest du gerade sehr traurig darüber, dass …« statt »Schau mal, die Lösung liegt doch auf der Hand: …« oder »Kann ich dich irgendwie dabei unterstützen?« statt »Ich verstehe einfach nicht, wieso das so ein Problem für dich ist!«

Weniger Technik denn innere Haltung

Bewusstes Zuhören lässt sich nicht im Rhetorikkurs lernen, da es nicht als Technik zu begreifen ist sondern als eine innere Haltung. Es wird nicht wirklich Ihre Beziehungen positiv beeinflussen, wenn Sie zwar »Erzähl mir mehr!« aussprechen aber »Mann, wie lange muss ich mir das Gesülze denn noch anhören!« denken. Ohne die aufrichtige Bereitschaft, die eigenen Motive vorerst hintan zu stellen, ist bewusstes Zuhören nicht möglich. Es erfordert Ihren ehrlichen Willen, den anderen so gut es geht verstehen zu können und sich für seine Bedürfnisse zu interessieren.

Ein guter Zuhörer ist also kein passiver Empfänger, sondern stellt aktiv einen Raum zur Verfügung, in dem sich der Sprecher mit seinem Anliegen frei entfalten kann. Der Lohn: Beziehungen mit Tiefe und die Möglichkeit, gemeinsam etwas vollkommen Neues zu erschaffen (Co-Kreativität).

Hören Sie doch mal richtig zu 😉

© 2011 Björn Klug

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