Findet den Schuldigen!

Wenn etwas schief geht, wird zu allererst nach dem Schuldigen gesucht

Den meisten von uns ist diese Reflexhandlung inzwischen zu einer unbewussten Gewohnheit geworden und wird, wenn überhaupt, nur selten in Frage gestellt. Recht haben geht offenbar vor glücklich sein – beides gleichzeitig ist übrigens kaum möglich. Der Konflikt scheint uns auf kuriose Weise wichtiger zu sein als ein harmonisches Zusammenleben.

Dieses Phänomen durchzieht all unsere Lebensbereiche …

Ungezählt die Rosenkriege, die in einer falsch (?) ausgedrückten Zahnpastatube ihren Ursprung und in »Du hast mein Leben zerstört, und dafür wirst du jetzt bezahlen«-Scheidungsprozessen ihr bittersüßes Ende nahmen. Bemerkenswert dabei ist, dass sich mit unserem Rechtssystem ein ganzer Wirtschaftszweig ausschließlich vom Prinzip der Schuldverteilung ernährt. Und bevor  in der Politik über die – eventuell gemeinschaftliche – Lösung eines Problems  überhaupt nachgedacht wird, streiten sich alle Beteiligten zuerst einmal inbrünstig und ausgiebig darüber, wer es denn überhaupt erst verbockt hat. Einen beträchlichen Anteil an dieser Entwicklung mag unser christliches Kulturerbe beitragen – die  jahrtausendelange Instrumentalisierung des Schuldbegriffes, um die Gläubigen gefügig zu halten, gehen nicht spurlos an einer Gesellschaft vorüber.

… auch den beruflichen

Wieviel Energie, Zeit und Geld ist wohl bis heute in Ihrer Firma in Rauch aufgegangen – durch Schuldzuweisungen, die einer Lösung der Probleme nicht zuträglich waren? Und noch wichtiger: Was könnte mit dieser Energie vollbracht werden, wenn sie nicht in Konflikt und Machtkampf verpuffen würde?

Die Alternative? Verantwortung.

Das bewusste Gegenstück zur Schuld ist Verantwortung. Was denn der Unterschied zwischen den beiden sei, fragen Sie? Verantwortung beginnt erst in dem Moment, in dem sie übernommen wird, sie kann nicht zugewiesen werden. Ver-Antwort-ung drückt aus, dass eine Situation mit einer Antwort im Sinne einer konkreten Handlung belegt wird. Das englische »response-ability« gibt uns einen weiteren Hinweis, was wahre Verantwortung ausmacht: die Fähigkeit zu antworten.

Bei näherer Betrachtung erweist sich Schuld nämlich als trügerische Illusion, denn sie ist stets bestreitbar. Anders gesagt: man kann endlos über sie streiten. Verantwortung hingegen ist real, und zwar in Form einer konkreten Handlung in dem Moment, in dem sie übernommen wird. Sie ist die Voraussetzung für kreatives Schaffen und bringt die Dinge in Bewegung. Schuld macht starr und erzeugt Opfer, Täter und Retter, die drei Hauptingredienzien für Drama (siehe auch Drama-Dreieck).

Konkret bedeutet das beispielsweise, dass ich auf meinem Waldspaziergang die von jemand anderem achtlos weggeworfene Plastikflasche einfach aufhebe und in den nächsten Mülleimer werfe, statt mir den Rest meines Spaziergangs damit zu verderben, mich über den »Schuldigen« zu ärgern. Wenn ich mir unberührte Natur wünsche, dann ist dies in diesem Moment genau das, was ich dazu beitragen kann.

Versuchen Sie doch einmal etwas völlig anderes, wenn Sie sich das nächste Mal dabei ertappen, wie Ihr Schuldreflex einsetzt und Sie zum Angriff auf Ihre Lebensgefährtin oder Ihren Arbeitskollegen ansetzen. Halten Sie kurz inne, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das gemeinsame Ziel und stellen Sie sich mit staunender Neugier die Frage: »Welcher Handlung von mir bedarf es jetzt zum größten gemeinsamen Nutzen?«

Das nennt man Co-Kreativität.

© 2011 Björn Klug

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